Holzkonstruktionen wurden im Osten Österreichs bis jetzt noch kaum untersucht.

Die zahlreichen Stadln und Dachstühle des Museumsdorfes Niedersulz bieten darum einen idealen Forschungsgegenstand für die  „Otto Friedrich Universität“ Bamberg.

Zwei Studentinnen des Master-Studienganges für Denkmalpflege und Heritage Conservation sind derzeit dabei, 12 Stadln und 8 Hausdachstühle zu vermessen und zu untersuchen.  Ihre Arbeit wird erstmals die Verbundtechniken von Ständerkonstruktionen  in Österreich dokumentieren, sowie die hier gebräuchlichen Abbundzeichen der Zimmerleute.

Österreich hat nämlich zum schon gut erforschten Deutschland eine ganz andere Zimmerer-Tradition.

So wurde in Deutschland die Verbindung von tragender Säule und Quersparren in Form von „Anblattung“ nur bis 1500 ausgeführt. In den Weinviertler Stadln, die nicht weiter als bis ins Jahr 1700 zurückgehen, sind sie immer noch zu finden.

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Gleichzeitig wird auch die moderne Form der „Zapfung“ angewendet.

Im gerade untersuchten Stadl von Gaubitsch sind sogar beide Versionen zu finden.  Möglicherweise eine durchdachte Form der Konstruktion, denn Zapfung ist druckfest, Anblattung ist zugfest.

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Ebenso wenig erforscht sind die „Abbundzeichen“ der Zimmerleute. Diese Zeichen nummerierten die Elemente des Dachstuhles der Reihe nach durch. Jeder Zimmermann hatte dazu ein eigenes System in Form von Zahlen, römischen Zeichen oder Kerben; die Zeichen waren aber innerhalb der Region vergleichbar.

Auch diese Abbundzeichen, wie sie in den Stadln und Dachböden zu finden sind, werden von den beiden Master-Studentinnen erforscht.

Der dritte Aspekt, der erstmals abgearbeitet wird, ist der Zustand und Schädlingsbefall des Holzes.

Doch erst sollte ich die beiden jungen Wissenschafterinnen vorstellen.

Bettina Fischbacher stammt aus Furth an der Triesting, Bezirk Baden und hatte in Wien Kunstgeschichte studiert. Ihr Interesse für Denkmalpflege  und Bauforschung führte sie anschließend ins Ausland, weil es in Österreich keine vergleichbare, nach-universitäre  Ausbildung gibt.  Nur in Bamberg,  entdeckte sie an der Otto-Friedrich-Universität ein Masterstudium nach ihren Vorstellungen.

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Dort traf sie auf Julia Müller aus Nürnberg, die nach Archäologie, Kunstgeschichte und europäischer Ethnologie ebenfalls ein weiterführendes Studium gesucht hatte.

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Die beiden Akademikerinnen interessieren sich vor allem für Bauforschung und wurden von Ihrem Professor Dr.-Ing. Dipl. Holzwirt Thomas Eißing auf das Museumsdorf hingewiesen und dass hier großer Forschungsbedarf bestehe.

Im August begannen Bettina Fischbacher und Julia Müller mit ihren Untersuchungen für ihre Master-Arbeit im Museumsdorf.

Zuerst wird jede  Holz- Konstruktion vermessen und aufgezeichnet. Dazu werden je ein Grundriss, ein Längsschnitt und ein Querschnitt im Maßstab 1:50 gezeichnet.

In diesen Plänen wird die Holzkonstruktion genau verzeichnet, wie Ständer, Kopfbänder und Dachsparren; die Verbindungen werden angegeben und die Abbundzeichen vermerkt.

Die Skizzen sollen auf den ersten Blick die Besonderheit der Holzkonstruktionen zeigen, um sie mit anderen vergleichbar zu machen. Denn auch hier gibt es noch wenig Erfahrungen mit österreichischen Konstruktionen. Der gerade untersuchte Stadl aus Gaubitsch besitzt  zum Beispiel eine Kombination aus einen stabilisierenden Sparrendreieck und einer mittelständischen Säule, die den Firstbalken stützt. Ob diese Konstruktion etwas Besonderes ist, oder die typische Bauweise der Region darstellt, soll die Untersuchung ergeben.

Dabei sind moderne Hilfsmittel gefragt, wie  ein Distomat, denn es ist den jungen Wissenschaftlerinnen kaum zuzumuten, in die viele Meter hohen Dachkonstruktionen zu klettern. Der Distomat misst Entfernungen mithilfe der Lasertechnik.

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Doch die beiden Forscherinnen beschäftigen sich auch mit den Schattenseiten der Konservierung: dem Schädlingsbefall. Denn die uralten Holzelemente leiden enorm unter Holzwespen und Nagekäfern.

Doch es wurde noch schlimmer: Die unsachgemäße Lagerung von hölzernem, bäuerlichen Gerät, das  seit vielen Jahren in den Stadeln eingestellt  und  ebenfalls stark von Holzschädlingen durchsetzt ist, brachte einen regen Austausch des Schädlingsbefalles in Gang und verschlimmert den Zustand des Holzes enorm.

Bettina Fischbacher zeigt die frischen Spuren von Nagemehl, das auf  eine Holzwespe schließen lässt.

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Um das zu verhindern, erklären die beiden Forscherinnen, gilt es in der Denkmalkunde die eiserne Regel einzuhalten, kein Holz in Holzgebäuden zu lagern.

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Auch dieser für die Objekte gefährliche Schädlingsbefall wird in den Konstruktions- Plänen verzeichnet.

Sie dienen einem weiteren Fachmann als Arbeitsgrundlage, denn das Museumsdorf möchte auf diese Forschungs-Ergebnisse prompt reagieren und holt sich im November den Holzschädlings- Spezialisten der Universität Hamburg, Dr. Uwe Noldt nach Niedersulz, der sich dieses Problems annehmen wird.

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Im Herbst  wollen Bettina Fischbacher und Julia Müller eine weitere Untersuchung starten. Bei einem Schnitt durch neuralgische Balken kann anhand der Jahresringe das Holzalter der Balken exakt bestimmt werden.

So kommt man dem genauen Alter der Gebäude auf die Spur und kann es mit den auf Säulen eingravierten Zahlen vergleichen, wie im Gaubitscher Stadl 1747. In einem anderen Stadl waren sogar zwei Jahreszahlen zu finden: 1744 und 1816.

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Alle diese Forschungsergebnisse gehen in die Master-Arbeit der beiden Denkmalpflegerinnen ein, die im Frühsommer 2011 abgeschlossen werden soll.

Ihre Untersuchungen dürfen auch vom Museumsdorf verwendet werden,  zum Beispiel als Grundlage für eine Neuauflage des Museumsdorf-Kataloges oder für weiterführende Forschungen.

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