„Zwei Maschen glatt, zwei Maschen verkehrt“ – Der Beruf der Handarbeitslehrerin

Mag. Marianne Messerer und Dr. Veronika Plöckinger-Walenta

Volksschule aus Gaiselberg (c) Dietmar Bodensteiner

Das erste Gebäude, das die Besucher*innen im Museumsdorf besichtigen können, ist die Volksschule aus Gaiselberg mit zwei Klassenräumen, der Lehrerwohnung und einer kleinen Ausstellung. Alle Einrichtungsgegenstände und ausgestellten Objekte werden gerade inventarisiert, also fotografiert, vermessen, beschrieben, ihre Funktion und Herkunft vermerkt – die klassische Museumsarbeit eben. Dabei werden auch diejenigen Objekte, die den Handarbeitsunterricht dokumentieren inventarisiert, weshalb wir uns diesmal mit diesem Thema beschäftigen wollen.

(c) Museumsdorf
(c) Museumsdorf

Ehe in den Schulen ein regulärer Unterricht in der Sparte Handarbeiten begann, wurden heranwachsende Mädchen in der Familie in dieser Technik unterwiesen: Was die Mutter, Großmutter oder Tante beherrschte – spinnen, weben, stricken, häkeln oder nähen, stopfen und flicken – konnte sie den Mädchen vermitteln. Manchmal gab es im Dorf auch fachkundige Frauen wie die Schneiderin, Pfarrersköchin oder Lehrersgattin, die ihr Können weitergaben.

Institutionalisierung des Handarbeitsunterrichts 

Bereits etwas öffentlicher fand eine Anleitung in Strickschulen, auch Industrieschulen genannt, in Näh-Kursen im Winter sowie als Weiterbildung in Hauswirtschaft und Nähen in den Landwirtschaftlichen Fortbildungsschulen statt.

Zwei Vorkämpferinnen auf dem Gebiet des weiblichen Unterrichtsfaches gab es in Wien: Gabriele Stenzinger-Hillardt (1848 – 1930) könnte man als die erste bedeutende Arbeitslehrerin bezeichnen. Sie fertigte Mustersammlungen zur Vervielfachung an und verfasste neben zahlreichen anderen Werken das Buch: „Die Arbeitslehrerin“. Josefine Godai (geb. 1842 – ?), verheiratet mit dem Direktor der Wiener Übungsschulen, Martin Godai, widmete sich nach dessen Tod intensiv diesem Unterrichtsfach und vervollständigte den von ihrem Mann begonnenen Leitfaden für den Unterricht in weiblicher Handarbeit.

1869 wurde mit dem Reichsvolksschulgesetz Handarbeiten Bestandteil des öffentlichen Unterrichts und damit den anderen Fächern gleichgestellt. Das erforderte eine Ausbildung von Lehrkräften und die Erstellung eines Lehrplans für die einzelnen Schulstufen. Ein Nähfleck, ein Strickfleck, ein Häkelfleck mit der Darstellung der unterschiedlichen Muster und Arbeitsarten bildeten eine Grundlage des Handarbeitsunterrichts. Wenn man heute sagt: „Vom Fleck weg heiraten“, ist man sich des Zusammenhangs mit dem Nähfleck, den sich die zukünftige Schwiegermutter zeigen ließ, oft nicht mehr bewusst.

Musterfleck (c) Museumsdorf
Musterfleck (c) Museumsdorf
Musterfleck (c) Museumsdorf

Unterrichtsbereiche

Jedenfalls sollte den Mädchen im Handarbeitsunterricht all das vermittelt werden, was sie später als Bäuerin und Mutter im Umgang mit Textilien benötigten:

  • einfache Arbeitskleidung schneidern, Kleidungsstücke ausbessern, zu enge Kleidung wieder tragbar machen;
  • Herrenhemden nähen bzw. abgenutzten Kragen durch einen neuen ersetzen;
  • Bettwäsche nähen, verzieren und mit Knopflöchern versehen;
  • Wollsachen stopfen, gelegentlich neue Bündchen oder Fersen anstricken.
  • Baby-Jäckchen und Kinderkleidung herstellen;
  • bei der Arbeitskleidung der Männer Risse vernähen, an Löchern Flicken aufsetzen;
  • Wäschekunde, Ordnung und Sauberkeit im Wäschekasten.
  • (c) Museumsdorf
    (c) Museumsdorf

    Dafür benötigt wurde ein Handarbeitskofferl mit der nötigsten Ausstattung in der Schule, später sollte jede Frau einen gut sortierten Nähkorb mit verschiedenen Näh-, Strick- und Häkelnadeln, Garnen, Stopfwolle, Fingerhut, Schere und Knöpfen besitzen.

  • Handarbeitskofferl aus Schulaustellung (c) Museumsdorf

    Die Handarbeitslehrerin – das „Industriefräulein“

    Der Beruf der Handarbeitslehrerin firmierte unter mehreren Bezeichnungen: Industriefräulein – von lat. industria „Fleiß“ –, Häkel- oder Strickfräulein; später Handarbeitslehrerin, Arbeitslehrerin, Lehrerin für Textiles Werken und Werkerziehung. Als spöttische Bezeichnung konnte man im Waldviertel „Häkelgoas“ hören.

    „Fräulein“ hießen sie nicht, weil sie so jung waren, sondern weil Lehrerinnen generell nicht heiraten durften. Wollten sie dennoch eine Ehe eingehen, mussten sie aus dem Dienst ausscheiden. Dieser „Zölibat“ für Lehrerinnen wurde in Niederösterreich im Jahr 1919 und österreichweit erst nach 1945 aufgehoben.

    Um sich als alleinstehende Frau wirtschaftlich halbwegs gut durchzuschlagen, musste eine Handarbeitslehrerin viele Schulstunden halten und war oft auf Naturalunterstützung angewiesen. Sie wurde einer Stammschule zugeteilt, und von dort hatte sie in den Schulen des Sprengels den Unterricht zu erteilen.

    In einem Zeitzeuginnen-Bericht aus dem Weinviertel in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts hört sich das so an: Einmal pro Woche gab es Handarbeitsunterricht und zwar am Freitag von 13:00 bis 16:00 Uhr. Die Lehrerin erschien bald nach 11:00 Uhr. Sie hatte von ihrem Wohnort aus zu den Schulen, wo sie unterrichtete, einen Fußweg von 4 – 5 km. Bei ganz schlechtem Wetter hat ein Bauer eingespannt und sie mit dem Pferdewagen geholt und wieder heimgeführt. War sie einmal an der Schule, musste eine Schülerin heimgehen und für die Lehrerin ein Mittagessen holen. Das war oft ein Schweinsbraten oder ein Selchfleisch, denn auswärts durfte man am Fasttag (Freitag) auch Fleisch essen. Als unsere Zeitzeugin an der Reihe war, gab es halt nur Bröselnudel, die haben der Frau Lehrerin nicht so gut geschmeckt.  

    Um 13:00 begann der Unterricht, die Schülerinnen zeigten der Reihe nach ihre Werkstücke her und die Lehrerin erklärte ihnen weitere Schritte. An kalten Wintertagen saß man rund um den Ofen, ein Mädchen durfte Geschichten vorlesen oder es wurde gesungen.

    Was wurde gefertigt? Die Kleineren häkelten Topflappen, Zierbänder und ähnliche Sachen. Später wurden Fäustlinge gestrickt, Ziersterne konnten gehäkelt, gestrickt oder genetzt werden. Eine Kreuzsticharbeit war in der 4. Schulstufe dabei. Genäht wurde grundsätzlich mit der Hand, erst später in der Hauptschule gab es eine Nähmaschine, um Schürzen, Pölster, Nachthemden und Kombinagen herzustellen. Schnittzeichnen war den älteren Schülerinnen vorbehalten und wer ganz perfekt war, der brachte es sogar zur Herstellung eines Dirndlkleids.

    Praktische Dinge, wie eine Netztasche zum Einkaufen oder Taschentücher mit Monogramm und Häkelrand waren beliebt. Jede Arbeit wurde benotet, was am Schluss die Gesamtnote in diesem Fach ausmachte.

  • Unterwäsche (Unterhose) aus der Schulausstellung (c) Museumsdorf
    Wäsche im Schlafzimmer der Lehrerwohnung (c) Nadja Meister

    Zum Berufsethos der Handarbeitslehrerin um 1900 zählte außerdem:

    • die sittlich religiösen Ideen der Mädchen zu festigen,
    • die Schülerinnen an eine gute Haltung beim Arbeiten zu erinnern,
    • Vorstellungskraft und Gedächtnis zu stärken,
    • auf sauber gefertigte Werkstücke Wert zu legen,
    • mit Geduld und vielen Wiederholungen zu unterrichten,
    • den Kindern Gelegenheit zu geben, ihre Fragen in mustergültiger Sprache zustellen.

    Zurück zur Volksschule aus Gaiselberg, in deren Schulchronik auch diejenigen Handarbeiten angeführt sind, die für die Soldaten im Ersten Weltkrieg hergestellt wurden: Schals, Westen, Mützen, Socken, Fäustlinge und ähnliche nützliche Dinge. Das Material dafür wurde den Schulen zur Verfügung gestellt. Dieser in allen Volksschulen übliche Beitrag zum Krieg trug sehr zur Aufwertung des Handarbeits-Unterrichts und der Lehrpersonen bei.

  • Socken aus der Schulausstellung (c) Museumsdorf

    Die Autorinnen Mag. Marianne Messerer (links) und Dr. Veronika Plöckinger-Walenta (rechts) in in der Waschküche bzw. Speis der Lehrerwohnung.

  • (c) Nadja Meister

Ein Kommentar zu „„Zwei Maschen glatt, zwei Maschen verkehrt“ – Der Beruf der Handarbeitslehrerin

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  1. Dieser Artikel zeigt wieder einmal euer immenses Fachwissen. Wer weiss schon was es heißt „Vom Fleck weg g’heirat“ zu werden, oder wer oder was ein Industriefräulein ist.
    Und wem ist schon klar, daß Lehrerinnen ledig sein mußten, um ihren Beruf ausüben zu dürfen.
    Toller Artikel
    Peter

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