Die Kellergasse im Weinviertler Museumsdorf Niedersulz

Mag. Marianne Messerer, Kulturvermittlerin und Ehrenamtliche im Museumsdorf und Kellergassenführerin

Als Hommage an das Kellergassenfest, das am 15. und 16. Mai im Museumsdorf stattgefunden hätte, beschäftigen wir uns diesmal mit seiner Kellergasse.

Blick in die Kellergasse des Weinviertler Museumsdorfs Niedersulz. Foto: Museumsdorf

Vorläufer des Kellerbaues waren Erdgruben oder Erdställe nahe dem Wohnbereich. Durch die Verlegung der Wein-Produktionsstätte „Presshaus“ bzw. der Lagerstätte „Keller“ in die Nähe der Weingärten entstanden eigene Kellergassen, auch „Dörfer ohne Rauchfang“ genannt. Kellerbauten waren vom Gelände und der Bodenbeschaffenheit abhängig und entstanden meist in Gemeinschaftsarbeit oder durch Nachbarschaftshilfe. Oft verwendete man das Aushubmaterial, also den Lehm, gleich für die Herstellung von Lehmziegeln oder „g‘satzten Mauern“ für Wohnhäuser. Ein Anstieg der Kellerbautätigkeit ist jedenfalls ab dem Jahr 1848 mit der Aufhebung der Grunduntertänigkeit festzustellen. Naturalabgaben, Presszwang und ähnliche Einschränkungen entfielen. Der Weinbau, die Verarbeitung und die Lagerung wurden ab diesem Zeitpunkt zur Sache der Weinbauern selbst.

Presshaus aus Großinzersdorf, Innenansicht. Foto: Museumsdorf

Ein Verband von Kleinhäusler-Häusern, Kellerstöckl und Presshäusern mit Kellern in der Nähe von Stadelzeile und Hintausgasse, wie er im Museumsdorf zusammengestellt wurde, war in der Siedlungsgeschichte des Weinviertels eine häufig anzutreffende Situation. Biegt man nach dem „Lebenden Bauernhof“ links in die Kellergasse, so kommt man zum Kleinhäusler-Haus aus Wilfersdorf, in dem eine Ausstellung über die reformatorische Glaubensgemeinschaft der Täufer untergebracht ist.

Täuferhaus mit Vorgarten, rechts Beginn der Kellergasse. Foto: Nadja Meister

Daneben steht das Presshaus aus Eibesthal, das 1993 ins Museumsdorf übertragen wurde. Eine Traminschrift mit den Initialen „I. N. 1795“ führt zum damaligen Besitzer Ignatz Nuß. Zwei weitere Familien verfügten über das Eigentum. Durch Heirat ging das Anwesen auf die Familie Karl über, deren letzte Vertreter das Ehepaar Ludwig und Katharina Karl waren. Man weiß, dass deren einzige Tochter vor rund 100 Jahren an der Spanischen Grippe verstarb. Der letzte Besitzer, Ludwig Zehetner, überließ das Objekt dem Museumsdorf. Interessant ist das verlängerte Dach auf der Rückseite des Presshauses, wodurch ein Raum für das Einstellen von Geräten und kleineren Wägen und Schlitten entstand.

Rückseite Presshaus aus Eibesthal. Foto: Museumsdorf

Das Nachbarobjekt aus Großinzersdorf, 1993 im Museumsdorf wieder errichtet, ist ebenso sehenswert. Das Dach ist ein Musterbeispiel für ein Satteldach, dessen Giebelseiten mit Brettern verschalt sind. Weiters reizvoll ist das kleine Vorkappel mit den Mauernischen bei der Presshaustür: Durch eine Mauer links und rechts begrenzt, wurde das kleine Dach ebenso mit Ziegeln eingedeckt. Es ermöglicht so einen trockenen Zugang zum Presshaus. In den seitlichen Mauern sind Nischen eingefügt, die eventuell für das Abstellen einer Lampe, das Einlegen des Schlüssels oder für religiöse Symbole wie z.B. Palmzweige dienten. Das Gaittürl, durch das man die Trauben in das Presshaus rutschen lässt, und ein Lüftungsfenster unterteilen die Fassade.

Vorkappel Presshaus aus Großinzersdorf. Foto: Museumsdorf

2018 wurden der Lehmboden und Inneneinrichtung des Presshauses saniert und ergänzt. Die mächtige Steinpresse, auch Baum- oder Hengstpresse genannt, ziert eine fast philosophische Inschrift:

„Viel betrachten wenig sagen

Seine Noth nicht jeden klagen

Viel Anhören nicht Antworten

Bescheiden sein an allen Orten

Sich in Glück und Unglück schicken

Ist eins der Größten Meisterstücken“

Jakob und Gertraud Strasser 1871.“

Beschnitzte Baumpresse. Foto: Dietmar Bodensteiner

Gehen wir der Reihe nach weiter, gelangen wir zum Mehrzweckbau aus Ladendorf, nämlich Keller, Presshaus und Schüttkasten. Dieses Gebäude gelangte 1994 ins Museumsdorf. Das Presshaus hat zwei Eingänge: Einer führt direkt in den Keller, der andere in das Presshaus. Im richtigen Weinkeller wurden früher nur ungern Nahrungsreserven gesehen, dazu dienten Nebenkeller, Hauskeller oder der Kellerhals.

•          Hauptzweck war die Weinlagerung.

•          In der Zeit ohne Kühlgeräte lagerten hier jede Art verderblicher Lebensmittel, Gemüse, Obst, Milch, Eier.

•          Das Sauerkraut- und das Fleischschaff hatten einen fixen Platz.

•          In Nebenkellern lagerten Rüben, Erdäpfel, eingeschlagenes Wurzelgemüse und Samenrüben.

Nach der Lese wurde auch das Presshaus zur Lagerung verwendet. Auf Stangen, die zwischen Bottichen aufgelegt wurden, hingen bis in die Winterzeit hinein die Auslegetrauben. Der Herbst brachte manchem Jäger Glück, so dass Fasane oder Hasen im kalten Presshaus bis zur Verarbeitung aufgehängt wurden. Die Bäuerin hatte ihren Bereich zur Lagerung der Blumenzwiebeln und Wurzelstöcke für das nächste Gartenjahr.

Presshaus aus Ladendorf. Foto: Nadja Meister

Das Obergeschoß ist über eine Stiege vom Presshaus aus zu erreichen. Im Schüttkasten wurde das Getreide eingelagert. Große Truhen oder Holzverschläge dienten zur Aufbewahrung der Hauptsorten. Kleinere Mengen, gelegentlich auch Kleie und Schrot, wurden in Standfässern aufbewahrt.

Im anschließenden Presshaus aus Hüttendorf, das 1995 ins Museumsdorf kam, erfreut eine mächtige Steinpresse aus dem Jahre 1822 die Besucher*innen bei der Einkehr in der Vinothek.

Vinothek innen. Foto: Museumsdorf
Weinpresse in der Vinothek. Foto: Museumsdorf

Das Presshaus aus Drösing entspricht dem am häufigsten im Weinviertel vorkommenden Modell eines Presshauses.

Den Abschluss bzw. Beginn der Kellergasse bildet das Kleinhäusler-Haus aus Wetzelsdorf. Es stammt aus einem typischen Weinort und befand sich am Originalstandort ebenfalls am Beginn einer Kellergasse. Aus Kleinhäusler*innen, oft auch Hauer genannt, rekrutierten sich die Taglöhner*innen bei der Weingarten- und Lesearbeit.

Der Keller spielte nicht nur als Weinlagerstätte, sondern auch im Sozialleben eines Weinviertler Dorfes eine wichtige Rolle. Schließlich lagerte hier der wertvolle Wein, der während der Gärung kontrolliert und schließlich auch verkostet werden musste – 

der Marsch in die Kellergasse und der gegenseitige Besuch im jeweiligen Keller bzw. Presshaus gehörte beinahe zu einem täglichen Ritual der Männer. Hier wurden auch wichtige Dinge besprochen und entschieden – angeblich sogar bis hin zur Wahl des Bürgermeisters.

Der „Köllazöger“ aus Leder oder Strohgeflecht diente jedem Weinbauern als Transportbehelf für die Weinflasche.

„Köllazöga“ aus umfunktioniertem Stiefel, Sattlerei-Werkstatt. Foto: Museumsdorf

Der Schlüssel zu Presshaus und Keller wurde vom Bauern immer mit sich getragen oder im Haus sicher verwahrt und nur in Ausnahmefällen an einen Sohn ausgegeben. Man hört sogar, dass der Bauer den Kellerschlüssel nachts unter seinem Kopfpolster liegen hatte, damit die Söhne keine unerlaubte Kellerpartie abhalten konnten. Fenstergitter, massive Kellertüren, komplizierte Schlüsselsysteme sollten Einbrüche in der entlegenen Kellergasse verhindern.

Die Vinothek in der Kellergasse des Museumsdorfs ist ab 22. Mai für den Verkauf von Wein, Traubensaft und Sekt/Frizzante Sa, So und Feiertag von 13-18 Uhr geöffnet.

Schlossblech. Foto: Museumsdorf

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