Der Kreuzstadel aus Groissenbrunn – Ein Stadel aus dem Marchfeld

Mag. Edeltraud Hruschka, Depotleitung und wissenschaftliche Mitarbeiterin

Kreuzstadel im Museumsdorf, ca. 2006. Foto: Museumsdorf

Der Groissenbrunner Stadel bildet unter den Stadeln des Museumsdorfs eine Sonderform. Er wurde im Jahr 2000 als einer der letzten bäuerlichen Kreuzstadeln des Marchfeldes aus dem 19. Jahrhundert ins Museumsdorf Niedersulz übertragen. Nach einer längeren Schließzeit aufgrund notwendiger Renovierungsarbeiten kann das imposante Bauwerk ab 29. Mai von unseren Besucher*innen wieder besichtigt werden.

Bei der Renovierung wurde so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich des historischen Bestandes ausgetauscht. Besonders morsche Holzteile mussten durch Altholz ersetzt und die Konstruktion an einigen Stellen durch authentische Holzverbindungen wie Kopfbänder verstärkt werden. Die Ziegelfundamente, die die tragenden Balken vor aufsteigender Bodenfeuchte schützen, wurden in der Höhe angeglichen und eine Sperrschichte eingefügt. Schalungsbretter wurden minimal mit Altholz ersetzt.   

Innenraum vom Stadel nach Renovierung, 2021. Foto: Museumsdorf

Ob das Marchfeld nun ein Teil des Weinviertel ist oder nicht, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Fest steht, dass das Gebiet – welches den südlichen Teil des Bezirks Gänserndorfs umfasst – sich geographisch sowie in der landwirtschaftlichen Nutzung vom Weinviertler Hügelland unterscheidet, damals wie heute.

Der intensive Feldbau und insbesondere der Getreidebau, der der Region auch den Namen „Kornkammer Österreichs“ verschaffte, waren prägend. Weinbau spielte im Kerngebiet des Marchfelds nur eine untergeordnete Rolle. Lediglich für den Eigenbedarf wurde produziert, so sucht man in den Orten vergebens nach Presshäusern oder etwa Kellergassen.

Im Weinviertler Hügelland waren vor allem der Längs- und Querstadel die gängigen Stadelformen. Sie boten den Bauern ausreichend Lager- und Arbeitsraum. Der um einiges größere Kreuzstadel mit einem t-förmigen Grundriss, der sich aus der Verschränkung eines Längs- und Querstadels ergibt, war nur im herrschaftlichen Bereich üblich.

Im Marchfeld war der Typus des Kreuzstadels jedoch allgemein vorherrschend. In historischen Katasterplänen und auch in dem Aquarell des Malers Franz Mayer aus dem 18. Jahrhundert erkennt man deutlich die Verbreitung dieser Stadel im gesamten Marchfeld. So spiegelt seine Architektur auch den anders gelagerten Schwerpunkt in der landwirtschaftlichen Produktion der Region wider.


Abbildung vom Ort Groissenbrunn. Aquarell Mayer Franz, 18. Jahrhundert. (c) Stift Melk

Grundsätzlich war ein Stadel fixer Bestandteil eines jeden historischen Weinviertler Bauernhofes und lag im hinteren Bereich des Grundstücks, dem so genannten Hintaus.

In der vorindustriellen Landwirtschaft war er ein zentrales Wirtschaftsgebäude und diente als Zwischenlager für die geernteten Getreidegarben und als Arbeitsraum für die Weiterverarbeitung des Getreides (Drischl dreschen, Kukuruz auslösen …). Bis ins späte 19. Jahrhundert, in manchen Gegenden noch länger, wurde diese Arbeit weitgehend ohne die Hilfe von Maschinen durchgeführt und dauerte oft mehrere Wochen bis Monate. Der Stadel war aber auch Speicher für Futtermittel (Wiesenheu, Kleeheu, Spelze) und auch das Stroh, das als Stalleinstreu für die Tiere benötigt wurde lagerte dort.

Wenn die „Tenne“ – die große Durchfahrt zwischen den 2 Toren – nicht gerade für Arbeiten wie das Dreschen des Getreides mit dem Dreschflegel genutzt wurde, konnten dort auch Fuhrwerke oder größere Arbeitsgeräte abgestellt werden, die im Wagenschupfen keinen Platz fanden.

Der Kreuzstadel aus Groissenbrunn Nr. 4 war bis in die 1990er Jahre im Besitz der Familie Welleschitz, Marchfelder Bauern schon seit vielen Generationen und heute Biolandwirte im Ort. Im Hintaus des Hakenhofes Nr. 4, in dem Erich Welleschitz sen. aufwuchs, stand auch der große Kreuzstadel. 1902 erwarben die Großeltern von Erich Welleschitz die gesamte Wirtschaft inklusive einer Dreschmaschine mit Göppel, die im Kaufvertrag sogar extra ausgewiesen war. Der heutige Stadel, der auf die Mitte des 19. Jahrhunderts datiert wird, bestand zu dem Zeitpunkt bereits, aber das Dach war damals mit Holzschindeln gedeckt und die Tenne war ein Bretterboden.

Haus Nr. 4. Im Hintergrund ist der Kreuzstadel zu erkennen. Im Vordergrund der Onkel von Erich Welleschitz sen. Privatbesitz Familie Welleschitz ca. 1915 – 1920

Im Haus Nr. 4. Vater, Mutter und Onkel von Erich Welleschitz sen. im bereits umgebauten Hof. zVg

Erich Welleschitz und seine Frau Erna, beide in den 1940er Jahren geboren, erinnern sich, dass das Dreschen mit Dreschflegeln im Stadel zu ihrer Zeit schon längst nicht mehr so gemacht wurde. Gedroschen wurde mit der Dreschmaschine und Dampfmotor (später Elektromotor) am Grundstück hinter dem Stadel, dem so genannten „Feureon“, oder am offenen Feld. Innerhalb kurzer Zeit wurde so die gesamte Getreideernte gedroschen. Drei weitere Bauern teilten sich die Dreschmaschine mit der Familie Welleschitz. Im Kreuzstadel wurde damals vor allem das Heu für die vier Pferde und die Kühe gelagert, gestapelt oft fast bis zum Dach hinauf, und auch Geräte und Maschinen wurden hier abgestellt.

„Der Bauerndampfer. Gemeinschaftseigentum von 14 Landwirten. 1919 in Jedenspeigen.“ Privatbesitz Dr. Ernst Felix.

Die fortschreitende Mechanisierung in der Landwirtschaft erleichterte die Arbeit der Menschen, veränderte aber viele traditionelle Arbeitsabläufe. Auch die Stadeln verloren dadurch schrittweise ihre ursprüngliche Funktion und waren irgendwann nicht mehr praktikabel. Im Weinviertel prägen die alten Stadeln und Stadelzeilen aber immer noch das Ortsbild, obwohl sie heute nur mehr Zeugen einer vergangenen Arbeitswelt sind.

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