„Der Garten sei das erweitere Haus; der Schulgarten das erweitere Lehrzimmer.“ – Bedeutung und Anlage von Schulgärten

Dr. Veronika Plöckinger-Walenta, wiss. Leitung

Schulgarten und Volksschule aus Gaiselberg, Foto: Museumsdorf

Im Rahmen der Schaugartentage Niederösterreich lädt das Weinviertler Museumsdorf Niedersulz am 19. und 20. Juni jeweils von 13-17 Uhr ein, den Schulgarten der Volksschule aus Gaiselberg näher kennenzulernen.

Schulgärten wurden bereits im „Reichsvolksschulgesetz“ von 1896 als notwendiges Lehrmittel jeder Schule bezeichnet. Die Aufgaben eines Schulgartens, aber auch die Ein- und Verteilung der Beete bis hin zu den einzelnen Pflanzensorten war in Verordnungen der Landes- und Bezirksschulbehörden genau geregelt. Auch der Schulgarten im Museumsdorf wurde nach dem Vorbild des historischen Plans des Schulgartens von Schrick angelegt.

Plan des Schulgartens von Schrick, zur Verfügung gestellt vom Schulmuseum Michelstetten

Bedeutung und Aufgabe des Schulgartens

Der Schulgarten war essentieller Bestandteil des Unterrichts, und zwar als praktischer Teil der „Heimat- und Naturkunde“ und als Mittel der „Volkserziehung“. Die Arbeit der Schülerinnen und Schüler im Schulgarten sollte „einsichtige und umsichtige Arbeitskräfte erziehen helfen.“

Der Schulgarten hatte auch Vorbildfunktion für die übrigen Gärten im Dorf, indem er besonders gepflegt und „ordentlich“ war. Gleichzeitig wurden hier besonders ertragreiche und den jeweiligen Bodenverhältnissen angepasste Gemüse- und Obstsorten sowie Blumen angepflanzt, vermehrt und verbreitet.

Größe und Einteilung

Auf einer Fläche ca. 8-10 a, also 800-1000 m² sollten verschiedene Bereiche unterteilt werden, die noch näher beschrieben werden. Die einzelnen Abteilungen waren – den zukünftigen Geschlechterrollen bzw. Aufgaben der Schülerinnen und Schüler entsprechend – den Mädchen oder Buben zugeteilt.

Die praktische Unterweisung erfolgte meist außerhalb der Unterrichtszeit mit den Kindern des 6.-8. Schuljahres, in kleinen Gruppen von max. 10 Kindern. Unterrichtet wurde anhand des Schulgartens auch Beobachtungen von Naturerscheinungen, Witterungsverhältnisse, Einflüsse von Bodenart, Dünger, Luft, Licht, Wärme und Kälte auf die Pflanzen; Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Tieren, Entwicklung der Pflanzen, nützliche und schädliche Tiere und Pflanzen, Tier- und Pflanzenschutz. Dazu sollten die Kinder Arbeitshefte mit Aufzeichnungen der Beobachtungen führen. Als Unterstützung besorgte der Lehrer entsprechende Literatur für die Schulbibliothek.

Die einzelnen Abteilungen

  1. Baumschule (Knaben)

Für den Obstbau lernten die Buben Aussäen der Obstkerne, Pikieren der Wildlinge, Verpflanzen und Veredeln, Beschneiden, Ausputzen, Verjüngen, Umpfropfen an Äpfel, Birnen, Kirschen und Zwetschken. Sie pflegten auch Beerensträucher.

Obst- und Weinbau im Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf

2. „Gemüseland“ (Mädchen)

Die Mädchen hatten zwei Felder – ein gedüngtes und ein ungedüngtes – zur Verfügung, die dem Wasser am nächsten lagen. Auf diesen in Wechselwirtschaft betriebenen Beeten wurden stark zehrenden Sorten wie Kohl, Kohlrabi, Sellerie, Gurken, Spinat und Salat angebaut; im ungedüngten Feld Bohnen, Erbsen, rote und gelbe Rüben, Rettich und Zwiebeln.

Gemüsefeld im Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf

3. Landwirtschaft (Knaben)

Dafür sollte man ein Viertel der Gartenfläche verwenden und möglichst alle Pflanzen, die im Rahmen des landwirtschaftlichen Betriebs vorkommen, anpflanzen, also Winter- und Sommerroggen, Hafer, Kartoffeln, Kohlrübe, Flachs, Mohn, Lupine,  Winterweizen, Buchweizen und Mais sowie Futterpflanzen, Klee- und Grasarten.

Landwirtschaft im Bild-Vordergrund, Gemüse-Beet dahinter im Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf

4. Technische Pflanzen (Knaben)

Zusätzlich betreuten die Buben zwei Bereiche für mehrjährige sowie für ein- und zweijährige Pflanzen: technisch verwertbare (Hanf für Seile) und solche, die als Narkotika und als Apothekerpflanzen (Tabak, Kamille, Baldrian, Eibisch, Wermut und Lavendel) sowie als Küchenkräuter Verwertung finden.

Hanf (Cannabis sativa) im Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf
Tabak (Nicotiana) im Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf

5. anlagen zur Verschönerung des Schulgartens – Blumenkultur (Mädchen)

Hier wuchsen einjährige Sommerpflanzen wie Levkoje, Lobelie, Löwenmaul, Ringelblume, Sonnenblume, Sommernelke, Strohblume und Zinie, zwei- und mehrjährige wie Glockenblume, Pfingstrose, Malve, Nelken, Phlox, Rittersporn, Stauden- und Herbstaster, weiters Zwiebel- und Knollenpflanzen wie Gladiole, Krokus, Lilie, Narzisse und Tulpe.

Tagetes zwischen Obstbäumen im Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf

Außerdem wurden Rosen, Ziersträucher und Schlingpflanzen sowie Topfblumen wie Chrysanthemum, Fuchsie, Begonie, Petunie und Pelargonie kultiviert.

Rosenpracht beim Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf

6. Andere Einrichtungen und Kulturen im Schulgarten – Knaben und Mädchen

In Weinbau-Gegenden gab es auch eine Rebschule mit einheimischen und amerikanischen Sorten bzw. Unterlagsreben. Außerdem setzte man Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht.

Maulbeerbaum beim Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf

Für die Befruchtung der Obstbäume unterhielt der Lehrer 1-3 bevölkerte Bienenstöcke und setzte Bienennährpflanzen wie bestimmte Kleesorten, Thymian und Salbei.

  1. Dünger- und Komposthaufen

Etwas abgelegen wurde der Komposthaufen mit 4 Brettern umschlossen und Sträuchern verdeckt angelegt, mehrmals im Jahr umgearbeitet und mit Jauche übergossen. Ebenso legte man Musterdüngerhaufen mit Stallmist und Kunstdünger an, um Experimente und Vergleiche anzustellen.

  • Laube mit Bank

Eine einfache Laube aus Latten, bewachsen mit Schlingpflanzen, diente dem Lehrer quasi als „Büro“ bei Schönwetter, wo er Eltern oder Dorfbewohner*innen empfangen konnte, die seine Hilfe beim Aufsetzen oder Lesen eines Schriftstücks benötigten.

Nist- und Futterkästchen für Vögel und Insekten, einen Brunnen oder Wasserbehälter und ein kleiner Schupfen für die notwendigen Geräte vervollständigten den Schulgarten.

Ertrag des Schulgartens

Der Schulgarten bzw. seine landwirtschaftlichen Erträge hatten keinerlei wirtschaftliche Bedeutung, sondern waren Teil des Naturallohns des Lehrers. Selbst gezogene Obstbäume, Edelreiser, Sämereien und Setzlinge konnten an besonders fleißige Schülerinnen und Schüler für ihre Mitarbeit abgegeben werden – und wurden so im Dorf bekannt gemacht bzw. verbreitet.

Quellen:

Umlauft, A. (?): Der Schulgarten. Sonderdruck aus „Der moderne Naturgeschichtsunterricht“ von K.C. Rothe. Wien – Leipzig 1908.

Schulgartenordnung für den Schulbezirk Gänserndorf. Genehmigt vom Landesschulrate für Niederösterreich mit Erlaß vom 26. Juli 1922 (Verlag des Bezirksschulrates Gänserndorf)

Anleitung für die Errichtung und Pflege der Schulgärten im Schulbezirke Mistelbach. Mistelbach 1928. Im Verlage des Bezirksschulrates Mistelbach.

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