Vollmondnacht im Museumsdorf

Dr. Magdalene Papp, Kulturvermittlerin und ehrenamtliche Mitarbeiterin im Museumsdorf

Eigentlich blühen Pflanzen tagsüber, eine schöner als die andere, und locken mit unterschiedlichen Düften und Blütenfarben die Insekten an, die sie bestäuben sollen.  Doch auch hier gibt es Ausnahmen: einige Pflanzen beginnen erst in der Dämmerung zu blühen und bieten somit nachtaktiven Insekten Gelegenheit zur Nektar- und Nahrungsaufnahme sowie Bestäubung. Die Nachtblüher haben besonders helle Blütenfarben – weiß wie die Madonnenlilie oder hellgelb wie die Nachtkerze. Die kleinen Blütenblätter der Zitronenmelisse reflektieren das Mondlicht und leuchten weiß-violett.

Blühende Zitronenmelisse, Foto: Museumsdorf

Die weiße Madonnenlilie (Lilium candidum) galt als Lichtsymbol in alten Kulturen, in der katholischen Kirche ein Attribut der Jungfrau Maria. Der Duft der Lilie ist tagsüber süß und exotisch, kann sich aber in den Abendstunden zu einem würzigen Parfum verwandeln. Essbar sind alle Pflanzenteile der Lilie – die Blüte, die jungen Blätter und die Wurzel. Besondere Züchtungen der Taglilie in Fernost gelten dort als wahre Delikatesse. Als Heilmittel wird die Madonnenlilie bei uns nicht mehr verwendet, nur in der Kosmetik.

Die einzelnen Blüten der Nachtkerze (Oenothera biennis) sind sehr kurzlebig, sie öffnen sich in der Abenddämmerung und sind meist am Vormittag schon verblüht. Der genaue Zeitpunkt, wann sich die Blüte öffnet ist nicht nur vom Sonnenstand abhängig, sondern auch von Tagestemperatur und Luftfeuchtigkeit. Diese Schnelligkeit des Aufblühens ist bei keiner anderen einheimischen Pflanze zu beobachten. Die Nachtkerze kam im 17. Jahrhundert aus Nordamerika und verwilderte. Aufgrund ihrer speziellen genetischen Struktur entstand eine große Artenvielfalt mit immer neuen Formen. Somit hat sie bei der Erforschung der Gesetzmäßigkeit der Vererbung eine Rolle gespielt, alle Inhaltstoffe sind – im Gegensatz zu den meisten anderen Wildpflanzen – genau analysiert.

Die Wurzel kann man als Gemüse kochen, die Volksheilkunde kennt Teeanwendung bei Hauterkrankung, Erkältung und Husten, Blättertee bei Durchfall und Krämpfen. Die medizinisch höchste Wirkung liegt in den Samen: die Gamma-Linolsäure hilft bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis, bei Altersdiabetes oder Multipler Sklerose, um nur einige zu nennen.

Nachtkerze, Foto: Magdalene Papp

An der Schmalseite des Zwerchhofes aus Prottes, des „Lebenden Bauernhofs“ wächst das Gartengeißblatt(Lonicera caprifolium) – „Je-länger-je-lieber“ genannt – in Vereinigung mit einer Wilden Rose. Seine Blüten verströmen in den Abendstunden einen stark süßlichen Duft, um Nachtfalter wie Skabiosenschwärmer, Nachtkerzenschwärmer und andere nachtaktive Arten anzulocken. Diese können mit ihren langen Rüsseln den Nektar am Grund der langen Röhrenblüten erreichen. Die roten Früchte sind Wohnung für die Raupe des kleinen Eisvogels, einem Tagfalter, für uns Menschen allerdings giftig.

Geißblatt, Foto: Museumsdorf

Das Seifenkraut (Saponaria officinalis) blüht im Museumsdorf neben der Marienkapelle am Wegesrand und nicht nur in der Nacht, sondern auch bei Tag, aber der Duft ist in den Abendstunden am stärksten. Wie der Name sagt, ergeben Wurzel und Blätter des Seifenkrauts ein mildes Reinigungsmittel für empfindliche Haut und feine Gewebe. In der Volksheilkunde wurde die Wurzel früher in Teemischungen gegen Husten und Verdauungsstörungen verwendet.

Seifenkraut, Foto: Dietmar Bodensteiner

Wenige Pflanzen haben nachts ihre Höchstform, eine davon ist die Nachtviole (Hesperis matronalis). Sie hat sich als Duftpflanze, nicht als Heilpflanze behauptet. Eine andere, die Wunderblume (Mirabilis jalapa) öffnet ihre duftenden Blüten erst am Nachmittag („Vieruhrblume“), lockt Nachtfalter an und ändert ihre Färbung.

Wunderblume, Foto: Museumsdorf

Alle nachtaktiven Pflanzen sind von jenen Insekten abhängig, die ihren Nektar saugen und Pollen von Pflanze zu Pflanze tragen, eine Ko-evolution von Tier und Pflanze. Wenn Motten und Schmetterlinge von künstlichen Lichtquellen angelockt werden, haben beide das Nachsehen: die Pflanze wird nicht bestäubt und das Insekt bleibt hungrig.

Gefahren der Nacht für Pflanzen sind Fressfeinde, die erst dann satt sind, wenn alles kahlgefressen ist. Wenn diese Fressfeinde angekommen sind, ruft die Pflanze ihre „Bodyguards“ zur Verteidigung: Sobald die Pflanze den Speichel des Fressfeindes spürt, sondert sie eine bestimmte, flüchtige Substanz ab, die wiederum Fressfeinde des ersten Feindes herbeilockt, sie kommen gern und schnell zum Festschmaus. Aber der erste Fressfeind merkt das auch und hat nun die Wahl: schnell weiterfressen oder gleich fliehen.

Der Biorhythmus der Pflanzen hängt mit der Art der Bestäubung der Insekten zusammen. Aufgrund dieser Erkenntnis hat der schwedische Botaniker Carl von Linne eine „Blumenuhr“ erstellt: früh am Morgen, schon vor dem ersten Sonnenstrahl öffnet der Wiesenbocksbart seine Blüten, es folgen Kürbis, Wegwarte und Klatschmohn, die am frühen Nachmittag wieder schließen, damit nicht zu viel an Feuchtigkeit über die Blütenblätter abgegeben wird. Am Vormittag folgen Ringelblume, Stockrose und Mittagsblume, am Nachmittag Wunderblume, Acker-Lichtnelke, abends Geißblatt und zuletzt die Nachtkerze.

Nachtblüher sind nicht mit Nachtschattengewächsen (Solanacea) im Zusammenhang zu bringen – die Herkunft des Namens bleibt ungeklärt. Zu den Nachtschattengewächsen gehören viele Nahrungs- und Zierpflanzen (Paradeiser, Erdäpfel, Paprika, Auberginen). Durch den Gehalt an Alkaloiden und Steroiden gelten sie auch als bedeutende Medizin,-Rausch- und Kultpflanzen (gemeine Alraune, Bilsenkraut, Engelstrompete, Stechapfel, Tabak, Tollkirsche – alle verwenden ihr Gift zur Abwehr von Fressfeinden).

Blühender Tabak im Schulgarten des Museumsdorfs, Foto: Museumsdorf

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