Tierische Lebensräume durch traditionelle Nutzung

Franziska Denner, Naturvermittlerin

Die Esel Peppino und Gusti, die Ziegenherde und Hühnerschar – all diese Tiere kennen regelmäßige Besucher*innen des Museumsdorfs nur zu gut. Eine Vielzahl an Tieren jedoch bleibt ihnen meist verborgen. Viele davon bewohnen Lebensräume, die es in modernen Dörfern in dieser Form gar nicht mehr gibt. Begeben wir uns also auf einen Rundgang durch das Weinviertler Museumsdorf und machen wir uns auf die Suche nach den unscheinbaren tierischen Mitbewohnern.

Betritt man das Museumsgelände, hört man gleich dahinter bei Sonnenschein das melodische „Trüüüt-trüüüt“ der Feldgrillen. Sie sitzen vor ihrem Loch, das sie in den Hang gegraben haben und in das sie sich bei Störung rasch verziehen. Genauer gesagt, zirpen nur die männlichen Grillen, um bei den Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. Ihre Flügel sind mit speziellen Schrillleisten ausgestattet – durch das Aneinanderreiben entstehen die Töne, die in uns sofort ein Gefühl von warmem Sommertag auslösen.

Grille, Foto: Franziska Denner

Es geht weiter zum Eselgehege: So ein Esel muss natürlich auch einmal, und seine Haufen sind Lebensraum für verschiedene Dungkäfer. Die Käfer bohren sich durch den Kothaufen, legen darin oder darunter ihre Nester an und zerlegen auf diese Art den Kot. Durch das Durchwühlen und Vergraben beseitigen die Käfer allmählich die Haufen, gleichzeitig erhält der Boden wieder Nährstoffe zurück. Außerdem sind die Dungkäfer eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel.

Auch der Pillendreher, der aus dem Dung eine Kugel formt und davonrollt, wurde schon im Museumsdorf gesehen, Foto: Museumsdorf

Wir setzen unseren Rundgang weiter fort zur Lehmbaustelle: In der Steilwand befinden sich zahlreiche Löcher – ebenfalls Eingänge zu Wildbienen-Nestern. Doch auch Grabwespen und andere Insekten finden hier einen wichtigen Lebensraum. Die vielen Ziegelwerke, die es im Weinviertel früher gab, wurden mittlerweile aufgelassen. Auch ihre natürlichen Pendants – steile Uferböschungen – sind durch Bachregulierungen selten geworden. Fehlen jedoch Eingriffe in die Steilwände, flachen sie ab und wachsen zu. Somit sind diese Lehm-Steilwände und ihre Bewohner heute sehr selten.

Nistlöcher Lehmbaustelle, Foto: Museumsdorf

Unsere nächste Station sind die Kopfweiden neben dem Dorfteich. Kopfweiden prägten das Landschaftsbild entlang von Bächen, Teichen oder Sümpfen. Bei diesen Bäumen handelt es sich nicht um eine bestimmte Weidenart, sondern um eine traditionelle Nutzungsform: Regelmäßig werden bei der Kopfweide die Äste geschnitten, was dem Baum eine bizarre Form verleiht – er ähnelt einem Kopf mit Haaren.

Kopfweiden beim Mülenteich, Foto: Museumsdorf

Die biegsamen Weidenruten waren ein wichtiges Material zum Flechten von Körben und Zäunen. Durch das geringe Gewicht der dünnen Äste kann der Baumstamm gewaltige Ausmaße annehmen, ohne auseinanderzubrechen. In den Höhlen, Ritzen und Gängen der dicken Stämme leben zahlreiche Tiere – wie Eulen, Fledermäuse oder der Eremit, ein äußerst selten gewordener Käfer. Bis zu vier Jahre verbringt der Eremit sein Leben als Larve. Diese ernährt sich von den Pilzen im Baummulm – das ist jenes lockere Material in Baumhöhlen, das sich im Übergang von Holzresten zu Humus befindet. Manchmal kann man noch Reste dieser alten Kopfweiden sehen – durch fehlende Nutzung sind viele von ihnen jedoch ausgewachsen und auseinandergebrochen. Mancherorts werden jedoch mittlerweile wieder neue Kopfweiden gepflanzt und alte Bäume gepflegt. So bekommen der Eremit und mit ihm viele andere Bewohner alter Baumhöhlen wieder neue Lebensräume.

Jungvogel in Kopfweide, Foto: Museumsdorf

Unser Spaziergang führt uns jetzt zu Löwen – Ameisenlöwen, um genau zu sein. Wir finden zahlreiche ihrer Trichter in der Kegelbahn im lockeren Lehmboden. Der Ameisenlöwe legt den Trichter im Rückwärtsgang an und lauert an dessen Grund auf Beute. Zu sehen ist er dabei nicht, nur seine Zangen schauen ein wenig heraus. Fällt die Beute – vorwiegend Ameisen, aber auch andere Insekten – in den Trichter, schnappt der Ameisenlöwe zu.

Ameisenlöwe, Foto: Franziska Denner

Nach ein bis zwei Jahren verpuppt er sich und schlüpft danach als zarte Ameisenjungfer. Die libellenähnliche Erscheinung bekommen nur wenige Leute zu Gesicht, denn die erwachsene Ameisenjungfer ist nachtaktiv und lebt nur für wenige Wochen. Wettergeschützte, offene Bodenstellen für Ameisenlöwen gibt es im Museumdorf viele – unter Schuppen oder am Fuße verschiedenster Gebäude. In modernen Ortschaften jedoch werden solche Stellen meist durch Schotter, Beton oder Pflastersteine ersetzt.

Trichter Ameisenlöwen in der Kegelbahn, Foto: Museumsdorf

Auf dem Rückweg kommen wir bei wilden Ecken und zahlreichen Hecken mit heimischen Gehölzen vorbei – hier finden Igel, aber auch zahlreiche Vögel wie Amseln, Rotschwänzchen, aber auch Nachtigall einen wichtigen Rückzugsort. Heimische Hecken wie Liguster, Heckenrose oder Schlehe halten auch im Winter genügend Nahrung für Vögel bereit. Und an heißen Sommertagen schätzen auch die Wildtiere im Museumsdorf die schattigen Plätze zwischen den Häusern.

Hecke entlang des Hauptweges, Foto: Museumsdorf

Kurz halten wir noch beim lebenden Bauernhof, denn in den alten Ställen brütet eine Rauchschwalbe. Sie baut ihr Nest gerne in Gebäuden mit offenem Fenster oder einer Luke. Viehställe werden wegen der anwesenden Fliegen gerne genutzt. Mehlschwalben legen gerne außerhalb der Gebäude an wettergeschützten Plätzen ihr Nest an. Für das kunstvolle Nest benötigen sowohl Rauchschwalbe als auch Mehlschwalbe Lehmpfützen als Baumaterial. Moderne Ställe sind gänzlich verschlossen – so finden Rauchschwalben nur noch selten einen geeigneten Nistplatz.

Schwalbennest am Lebenden Bauernhof, Foto: Museumsdorf

Wir beenden unseren Spaziergang bei der Streuobstwiese in der Nähe des Weingartens. Solche „wilden“ Blumenwiesen waren als Heuwiesen oder Viehweiden weit verbreitet. Sie stellen eine wichtige Nektar- und Pollenquelle für Insekten dar.

Furchenbiene auf Witwenblume, Foto: Franziska Denner

Bis in die 1960er Jahre hinein prägte die Beweidung von Trockenrasen und anderen ackerbaulich nicht nutzbaren Flächen das Weinviertel über Jahrhunderte. Viele Flurnamen weisen auf diese traditionelle Viehhaltung hin – auf dem „Triftweg“ beispielsweise wurde das Vieh auf die Weide getrieben. Große Landmaschinen ersetzten allmählich Arbeitspferde und -ochsen, Stallhaltung wurde der Beweidung vorgezogen. Ehemals ausgedehnte Weideflächen verkümmerten schrittweise zu winzigen Flecken in der Landschaft – mit diesen ökologisch wertvollen Lebensräumen verschwanden auch ihre Bewohner.

Nach unserem Rundgang wird klar: Durch ihre oft jahrtausendealten Tätigkeiten oder – wie im Falle der wilden Ecken – des „Nichtstuns“ schufen die Leute in früheren Zeiten ganz nebenbei artenreiche Lebensräume, die heute von Naturschützern unter viel Aufwand erhalten werden müssen.

Tipp: „Tierische Lebensräume im Museumsdorf“ am 19. 6., 16. 7., 21. 8. und 23. 10., jeweils 13-17 Uhr

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