Frauen im Dorf um 1900 – Teil 1

Mag. Marianne Messerer und Elisabeth Stadler

Wenn wir von einem Durchschnittsdorf im Weinviertel ausgehen, wo es vielleicht 50 – 60 Höfe gab, so stand jedem Hof eine Bäuerin vor. Diese Frauen bildeten die wichtigste weibliche Bevölkerungsschicht. Eine geringere Zahl von Altbäuerinnen, die sich aus dem aktiven Leben schon mehr zurückgezogen hatten, gab es in jedem Dorf. Rechnen wir mehreren Höfen eine unverheiratete Frau zu, sowie ein bis zwei Mägde, dann erhöht sich der Frauenanteil schon im Bauernstand recht beachtlich.

Nicht zu unterschätzen ist die Anzahl der vielen Taglöhner- und Kleinhäuslerfrauen. Gattinnen von Handwerkern und Gewerbetreibenden waren im dörflichen Sozialgefüge schon höherstehend. Besonders angesehen waren die Ehefrauen von Bürgermeister, Arzt, Lehrer, Tierarzt, Baumeister oder Förster.

Am unteren Ende der sozialen Hierarchie rangierten die weiblichen Personen im Haushalt der wenig geachteten Berufe wie Halter, Totengräber, Hausierer, Inwohner und arme Leute generell.

Die Rolle der Frauen im Bauernhaus

Die Bäuerin stand dem Hauswesen eines Hofes vor. Ihr oblag die Sorge für alle Familienmitglieder und Dienstboten. Sie regelte anfallende Arbeiten draußen und drinnen. Sie musste täglich für mehrere Personen Essen auf den Tisch bringen und dafür zu unterschiedlichen Zeitpunkten genügend Vorräte anlegen.

Speis im Doppelhakenhof aus Wildendürnbach, Foto: Museumsdorf

Die Haustochter befand sich meist im Vorteil gegenüber anderen weiblichen Arbeitskräften am Hof. Schließlich stand ihr ein eigenes Zimmer, die „Menschakammer“ zu und sie wurde bei ihren Tätigkeiten auf die spätere Rolle als Bäuerin und Mutter vorbereitet. Sie fertigte zahlreiche Handarbeiten an, die später zu ihrer Aussteuer dienten.

Mentschakammer im Doppelhakenhof aus Wildendürnbach, Foto: Museumsdorf

Im Bereich des Hofes in einem Stüberl oder in einem eigenen kleinen Wohnbereich, Ausnahm oder Ausgedinge genannt, lebten die Altbauern. Der Altbäuerin war es wichtig, durch Kleinvieh, Gemüse und Obst aus dem Garten möglichst viel zur Eigen-Versorgung beizutragen, damit man nur das vom Hoferben in Anspruch nehmen musste, was im Übergabevertrag festgelegt worden war. Dabei handelte es sich um Brennholz- und Tierfutterlieferungen, Eier, Fleisch etc. und einen bestimmten Geldbetrag, da es um 1900 keine Bauernrente gab.

Ausnahm aus Niedersulz mit Selbstversorungs-Garten, Foto: Museumsdorf

Eine Taglöhnerin war in den meisten Fällen eine verheiratete Frau mit Familie und einem eigenen bescheidenen Hauswesen. Ihr Beruf war es, tageweise bei Bauern, Winzern oder Gewerbetreibenden dort anfallende Arbeit gegen Taglohn zu verrichten.

Im Unterschied zur Taglöhnerin hatte die Magd Kost und Quartier – manchmal musste ein „Tafelbett“ in der Küche reichen – am Hof. Dies sowie einige wenige im Laufe des Jahres benötigte Kleidungsstücke machten den Hauptteil ihres Lohnes aus, den sie dann einmal im Jahr ausbezahlt bekam. Sie stammte von ärmeren Leuten ab, die froh waren, eine Person weniger daheim zu ernähren müssen. Frauen mit unehelichen Kindern bzw. den ledigen Kindern selbst blieb kaum eine andere Möglichkeit als das Dienstbotendasein. Sie hatten es besonders schwer und standen auch am unteren Ende der sozialen Leiter.

Tafelbett im Bürgermeisterhaus, Foto: Museumsdorf

Bei einer Inwohnerin handelte es sich umeine Person, die vielleicht mit der Bauernfamilie verwandt war, konnte aber auch eine nicht nahestehende Frau sein. Sie lebte in einem Stüberl oder in der nicht benötigten Ausnahm und verrichtete – je nach Vereinbarung – Arbeiten am Hof oder beglich ihre Miete finanziell.

Alt, krank, allein, arm oder obdachlos zu sein, bedeutete, nach den in der Gemeinde dafür vorgesehen Regeln leben zu müssen. Das Armenhaus war eine Möglichkeit, aber wo ein solches nicht existierte, schickte man die bedauernswerten Geschöpfe als Einlegerin von Haus zu Haus, um magere Kost und eine bescheidene Schlafstatt zu erhalten.

Die Frau in Handwerk / Gewerbe

Die im Dorf benötigten Handwerker und Gewerbebetriebe vereinten damals Werkstatt und Wohnung unter einem Dach. So war es üblich, dass die Handwerkers-Gattin die im Betrieb arbeitenden Personen mit Kost und Quartier versorgte. Andererseits konnte sie aber auch ersuchen, dass Geselle oder Lehrling ihr bei schweren Arbeiten behilflich waren. Sie selbst verbrachte wiederum wertvolle Arbeitszeit in der Werkstatt, wo oft spezielle Ausführungen auf sie zugeschnitten waren. Nicht zu vergessen, dass meist sie es war, die bei den Kunden das Geld für geleistete Arbeiten eintreiben musste. Dies trifft auf Schmied, Wagner, Schuster, Tischler, Fassbinder etc. gleichfalls zu.

Sattler-Werkstatt aus Niedersulz mit Bett für Lehrlinge, Foto: Museumsdorf

Hatte eine Handwerkerfamilie nur eine Tochter, so konnte es schon vorkommen, dass sie das Geschäft übernahm. Ähnlich war es mit dem Witwen-Betrieb, wo die Frau nach dem Ableben ihres Gatten mit einem tüchtigen Gesellen an ihrer Seite den Werkstattbetrieb fortführte.

Nur wenige Frauen führten jedoch einen Betrieb selbständig. Das beste Beispiel ist die Schneiderin. Sie richtete in ihrem Haus eine Werkstatt ein, dafür musste ein Wohnraum herhalten. Nähmaschine, großer Zuschneidetisch, Bügelbrett und Truhe oder Kasten für Zubehör zählten zur Ausstattung. Sie war Meisterin und durfte daher auch Lehrmädchen ausbilden. Unabhängig arbeitete ebenfalls die Näherin. Ihr Beruf war angelernt, sie nähte für Frauen Alltagsgewand, Kinderkleider, allerdings ein Hauptteil ihrer Arbeit bezog sich auf Ausbesserungen und Reparaturen.

Näh-Werkstatt im Zwerchhof aus Waidendorf, Foto: Museumsdorf

Manche Betriebe verlangten direkt nach der Mithilfe der Frau: Wirtshaus, Greißlerei, Bäckerei, Mühle, Friseur und ähnliche. Unvorstellbar ein Wirtshaus ohne Wirtin: Sie stand in der Küche am Herd und bereitete die damals üblichen Speisen zu. Greißlerin und Bäckermeistersgattin kümmerten sich um das Verkaufsgeschäft.

Martha Fally, die erste Müllermeisterin in NÖ, 2008 in der Mühle aus Walterskirchen, Foto: Museumsdorf

Gab es in größeren Dörfern vornehmere Haushalte wie Arzt, Förster oder Baumeister, so leisteten diese sich eine Zugehefrau zur Unterstützung der Gattin.Diese erledigte tageweise die im Haushalt anfallenden Arbeiten, wie Putzen, Wäschepflege und andere vereinbarte Tätigkeiten.

Kleinhäuslerinnen

Die Gruppe der Kleinhäuslerinnen war zahlenmäßig gar nicht so gering, und für sie war es wichtig, neben der Führung ihres eigenen Haushalts Beschäftigung zu finden, die einen Lohn einbrachte. So verdingte man sich bei Bauern und Gewerbetreibenden als Taglöhnerin.

Aus diesem Reservoir schöpfte das Baugewerbe seine weiblichen Arbeitskräfte. In den Dörfern existierten Ziegelöfen, wo Frauen als Ziegelschlagerinnen oder als Einschlichterinnen arbeiteten. Letzteres bedeutete, die Ziegel zum Trocknen aufzuschichten. Bauernziegelöfen hatten keine Wohngelegenheit dabei, größere Unternehmen einfache Unterkünfte.

Eine weitere schwere Frauenarbeit war die Mörtelfrau („Zurocharin“). In der Marchgegend oft aus der Slowakei stammend, trugen sie die Mörteleimer auf dem Kopf bis zu den Maurern auf der Baustelle.

Eine ältere Kleinhäuslerin war vielleicht dafür bekannt, dass sie leichtere Arbeiten, nämlich Wollsachen ausbessern, Kleidung flicken und ähnliche Handarbeiten ausführte.

Ehrenamtliche Ludmilla Hauser beim Säckeflicken im Museumsdorf, Foto: Dietmar Bodensteiner

Weitere bäuerliche Frauen-Tätigkeiten im Dorf

Die Frau des Totengräbers sah ihre Verpflichtung darin, die Verstorbenen für die Bestattung herzurichten, Kontakt zur Trauerfamilie herzustellen und die beim Begräbnis üblichen Riten zu veranlassen.

Die Eierfrau („Orarin“) sammelte für einen Händler die Eier ein und bezahlte sie in dessen Auftrag. Der wieder holte das Sammelgut bei ihr ab und verkaufte es an einschlägige Betriebe.

Die Frau des Viehhirten (Halterin) fütterte und betreute die männlichen Zuchttiere wie Stier, Eber, Ziegenbock. Die kleineren Tiere folgten auch ihr beim Fortpflanzungsgeschäft, der Stier benötigte schon eine festere Hand. Halter wurden von der Gemeinde für einen bestimmten Zeitraum aufgenommen und wohnten in dem gemeindeeigenen Halterhaus.

Die Entsorgung toter Tiere übernahm der Schinder (Abdecker), in dessen Familie sicherlich der Frau eine wichtige Rolle zukam.

In Gemeinden mit einem Gutshof oder einem Meierhof wohnten ebendort viele Familien, wo die Frauen wieder ihre Arbeitskraft dem Betrieb als Stalldirn, Melkerin, Milchmesserin und vieles mehr zur Verfügung stellten.

Saisonarbeiterinnen, egal woher sie kamen, im Weinviertel oft aus der Slowakei, unterstützten größere Betriebe in der Haupterntezeit und beim Dreschen.

Tipp: Alltag im Dorf am So, 31. 7. zu den Themen Salz- und Senfgurken sowie Mägde und Knechte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: