Federnschleiß‘n

Marianne Messerer und Elisabeth Stadler

Früher gab es in den Wintermonaten in den bäuerlichen Haushalten das Federnschleißen. Es war eine körperlich leichte Arbeit, erforderte jedoch große Genauigkeit.

Für das Wort „schleißen“ gibt es 2 Ableitungen: „Schleiß“ ist eine regionale Bezeichnung für „Ausgedinge“, dem Wohnbereich von Altbäuerin und Altbauer nach der Hofübergabe. Da die Altbäuerinnen beim Federnschleißn halfen, wäre dies eine Verbindung. Die zweite, wahrscheinlichere Erklärung: Das Wort „zerschlissen“ kommt von „schleissig“ und bedeutet so viel wie zerrupft, bei Kleidern „durchsichtig, fadenscheinig“ und hat so auch etwas mit der Feinheit und dem Abrupfen einer Feder zu tun.

Um Martini begann das Ganselabstechen und dabei wurden die Federn gesammelt. Enten- oder Hühnerfedern kamen bei ärmeren Leuten in das Inlett. Gänse mussten in trockenem Zustand gerupft werden, da die Federn durch Abbrühen kaputt werden. Diese Federn sammelte man erst in großen Behältern, in einen Papiersack oder in alten Polsterüberzügen und bewahrte sie bis zum Federnschleißen auf. Es durften jedoch keine Fleischteile mitgerissen werden, damit nicht die Fleischfliege angelockt wird. Die Aufbewahrung musste luftig, mäuse- und mottensicher sein.

Tage vor dem Arbeitsbeginn brachte man die Federn bereits ins Warme, damit sie sich leichter rupfen ließen. In der Stube, wo Nachbarinnen, Verwandte, Freundinnen, Großmütter oder Häuslerinnen als Helferinnen in größerer Gesellschaft zum Federnschleißen zusammenkamen, wurde der Kachelofen oder Küchenherd ordentlich eingeheizt. Sie erschienen nach dem Mittagessen in ihren Barchent-Kleidern (Mischung aus Baumwolle und Leinen), hatten eine feste Weste an darüber, eine gemusterte Schürze schonte das Kleid, und ein Kopftuch trug man über die Haare. So nahmen sie rund um den großen Tisch Platz.

Auch Besucher*innen helfen gerne beim Federnschleißn im Museumsdorf, Foto: Dietmar Bodensteiner

In der Mitte lag ein Berg von Gänsefedern, wo man eifrig zugriff. Jede nahm sich davon eine Handvoll und begann, den weichen Federteil vom Kiel zu ziehen, indem eine Hand den Kiel hielt und die andere mit flinker Bewegung die Federnfahnen vom Kiel zupfte. Diese Federn legte man vor sich auf dem Tisch in kleinen Häufchen ab, während man die Kiele zu Boden fallen ließ. Waren die Häufchen groß genug, ging die Hausfrau mit einem alten Inlett von einer Frau zur anderen und sammelte die geschlissenen Federn ein. Man musste ruhig sitzen bleiben, so wenig Bewegung als möglich und keine Tür aufreißen, damit kein unrechter Luftzug entstand und die Federn fortblies.

Federnhaufen, Foto: Dietmar Bodensteiner

Das Ziel, die Vorgabe, war klar: Für die Töchter des Hauses sollten je 2 gut gefüllte Tuchenten und 4 Pölster entstehen. 2,5 bis 3 kg Federn braucht es ungefähr für eine Tuchent, bei einem Polster kommt man mit 1,5 kg aus. Die Federn von einer Schar Gänse (12 – 14 Stück etwa) reichten für ein Bettzeug (Tuchent, 2 Pölster). Eine Woche konnte es schon dauern, bis man für eine Familie die Federn gezupft hatte.

Selbst die Kiele fanden früher noch Verwendung als Füllmaterial in Sitzpölstern und Ähnlichem. Überschüssige Kiele verwendete man gerne zum Einheizen. Da hat es aus allen Rauchfängen fürchterlich gestunken und man wusste, es ist wieder Zeit des Federnschleißens. Findige Männer hoben einen Teil der Federnkiele für eine gewisse List beim Schnapsbrennen aus: Es wurde ja gelegentlich „schwarz“ gebrannt, und damit es dabei nicht nach Schnaps roch, hat man einfach die Federnkiele zum Heizen verwendet und so das Federnschleißen vorgetäuscht.

Früher war die Bettwäsche prall mit Federn gefüllt. So eine Tuchent lastete schwer auf dem Schläfer und der Schläferin. Selbst Kissen waren sehr hoch und man schlief in einer Art „Hockerstellung“, schließlich waren die Betten auch kürzer. Man brauchte stetig Federn: War für die Aussteuer vorgesorgt, so schliss man für das Kinderbett, für ein Gästebett, für das Ausgedinge oder für weitere Verwandte.

Sammeln der Federn in Polsterbezug, Foto: Dietmar Bodensteiner

Das Federnschleißen war ein Zeichen weiblicher Gemeinschaftsarbeit und vermittelte ein Bild des ländlichen Generationenzusammenhanges. Tochter, Mutter und Großmutter arbeiten hier zusammen. Die Männer suchten sich meist draußen oder im Keller eine Arbeit. Sie gesellten sich erst beim „Federhahn“ zu der Frauenrunde.

Dabei hat man über alles Mögliche geplaudert, den Dorftratsch gepflegt, Lieder gesungen oder Witze erzählt. Beim Dorftratsch wurde jede Einzelheit genau unter die Lupe genommen, Junge und Alte kamen gleichermaßen an die Reihe. Über Liebesgeschichten und Heiratssachen wurde gerne geredet. Außerdem war die Ballsaison und so konnte man erfahren, wer mit wem geflirtet und getanzt hatte. Nachdem zur Zeit des Federnschleißens, also im Fasching meist Hochzeiten stattfanden, boten diese Ereignisse Anlass zum Reden. Viele Vermutungen geäußert, aber auch Leute hart kritisiert, Zwietracht und Zank gesät, ebenso wurden Rätsel, Wetterregeln, Sprichwörter, Geschichten gerne erzählt. Die Frauen sprachen auch über nützliche Dinge und mancherlei Kochrezepte. Ist der Gesprächsstoff ausgegangen, dann konnte man noch singen. Die alten Lieder mit vielen Strophen handelten von Liebe, Verrat, Untreue und nicht selten von Tod. Manchmal war sogar ein Bursch zugelassen, der mit der Ziehharmonika die Lieder begleitete.

Frauen beim Singen und Federnschleißn im Museumsdorf, Foto: Museumsdorf

Ärmere Frauen folgten gerne einer Einladung zur Federarbeit, somit sparten sie daheim Haus- und Heizkosten und die Unterhaltung war noch gratis dazu. Am Ende gab es dann den „Federhahn“. Das war das Abschlussfest, so wie Lese- oder Erntehahn. Spiele wurden gespielt, beliebt war das „Stockschlagen“ oder das „Pfandauslösen“. Da waren auch Burschen und Männer dabei, manchmal auch Musik. Die Bewirtung war regional verschieden – während es beim Lesehahn vorwiegend Deftiges gab, so kredenzte man beim Federhahn eher Mehlspeisen – Gugelhupf, Strudeln, Kuchen – und Kaffee oder Tee. Die Männer tranken natürlich gern ein Glas Wein oder einen „Warmen“ (Glühwein).

Jausentisch beim Federnschleißn, Foto: Dietmar Bodensteiner

War in einem Haus diese Winterarbeit abgeschlossen, so traf man sich in den Tagen und Wochen danach bei den anderen Familien.

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