Advent

Annina Forster und Marianne Messerer, Weinviertler Museumsdorf Niedersulz

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und mit der früh einsetzenden Dämmerung sinken auch die Temperaturen. Während die ersten Schneeflocken fallen und man es sich zu Hause gemütlich macht, stellt sich langsam ein vorweihnachtliches Gefühl ein. Diese besondere Zeit ist gemeinhin als Advent bekannt und beschreibt einen Jahresabschnitt der Besinnlichkeit, der Familie und der Vorfreude auf Weihnachten.

Aber wie war das in einem Weinviertler Dorf um 1900? Tatsächlich dürfen wir uns die Adventzeit um die Jahrhundertwende im Weinviertel wenig idyllisch vorstellen. Die Wintermonate waren von Dunkelheit und Kälte geprägt, in der es mit den immer weniger werdenden Vorräten aus ertragreicheren Zeiten auszukommen galt. Als Wärmequelle dienten der Herd in der Küche oder das Vieh im Stall, und Licht spendeten lediglich teure Kerzen oder Petroleumlampen. Das dafür notwendige Feuer bot eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle für die großteils mit Stroh gedeckten Lehmhäuser in den Dörfern.

Petroleumlampe, Foto: Museumsdorf

Während viele von uns schon den Adventkranz aufgestellt haben, war diese ursprünglich evangelische Tradition im größtenteils katholischen Weinviertel wohl erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, zunächst eher in Kirchen anzutreffen. Auch einen Adventkalender kannten die Kinder um 1900 nicht. Vielmehr war die Zeit vor Weihnachten von harter Arbeit wie zum Beispiel dem Holzschlagen geprägt.

Holzarbeit, Foto: Museumsdorf

Außerdem wurde in Vorbereitung auf das Weihnachtsfest „abgestochen“, das heißt ein Vieh (Schwein oder Geflügel) geschlachtet und verarbeitet, um am Weihnachtstag das Fasten zu brechen. Die vorweihnachtliche Fastenzeit war auch der Grund, warum die Wochen vor dem Heiligen Abend Buße getan werden sollte. Das hieß auch, dass laute Musik mit Tanz oder gar eine Hochzeit verboten waren – schließlich „stellt Katrein (25. November) den Tanz ein“.

„Saurehm“ (Gestell zum Aufhängen und Ausnehmen der Schweinehälften), Foto: Museumsdorf

Ende November war auch die Zeit, wo das Backen begann. Zuerst wurde der Lebkuchen nach alten Familienrezepten gebacken, denn zu Nikolo sollte die Bäckerei für die Kinder bereits fertig sein. Es wurde nicht so Vielfältiges gebacken wie heute. In erster Linie richteten sich die Rezepte nach den Zutaten, über die man aus Eigenproduktion verfügte: Mehl, Butter, Schmalz, Milch, Obers, Eier, Marmelade, Mohn, Nüsse, tlw. Honig. Gekauft wurde nur Zucker, Gewürze, Rum, Rosinen, Vanillezucker und Backpulver. Man benannte die Mehlspeisen nach ihrer Form oder den Zutaten. Kekse bezeichnete man als Krapferl, dann gab es Nussschnitten oder –kipferl, Vanillekipferl, Mohnkipferl, Busserl. Länger haltbare Backwaren waren der so genannte Hausfreund – eine Biskuitmasse mit Nüssen und Rosinen – und das Kletzenbrot.

Keksformen, Foto: Museumsdorf

Neben der Herstellung von Krapferln mussten die Frauen vor Weihnachten Haus und Hof gründlich saubermachen. Das bedeutete, dass der Küchenherd geputzt, die Ofenrohre vom Ruß befreit, die Fußböden gerieben und Waschtag gehalten wurde. Frauen waren die Bewahrerinnen von Bräuchen wie Räuchern, der Besuch der Roratemesse an den Adventtagen oder Herbergsuche. Die Roratemesse – abgeleitet von „Rorate caeli/coeli – tauet Himmel“ – war ursprünglich die Messe am 4. Adventsonntag, fand aber auch an anderen Adventsonntagen oder unter der Woche, meist noch vor Sonnenaufgang statt.

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts veränderte sich mit dem gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel auch die Gestaltung des Advents. So wurde es langsam üblich, Adventkränze aus Reisig selbst zu gestalten und sie mit beispielsweise buntem Crêpeband und Christbaumkerzen zu schmücken. Im nadelbaumarmen Weinviertel stellte dies bisweilen eine Herausforderung dar, die sich nicht jeder leisten konnte, und so fand man Adventkränze außerhalb der Kirche häufig an gemeinschaftlichen Orten wie in der Schule.

Für viele galt der Barbaramarkt (zum Beispiel in Dürnkrut) am 4. Dezember als Auftakt der Weihnachtszeit. Wenngleich man aus heutiger Sicht kaum weihnachtliches auf dem Markt fand, stellte er ein Spektakel außerhalb des kargen Alltags dar. Man kaufte Geschirr, türkischen Honig, getrocknete Feigen und kandierte Zwetschgen. Der heute so beliebte Glühwein am Christkindlmarkt war auf diesem Markt nicht zu finden, jedoch gab es in einigen Familien die Tradition, während der Weihnachtszeit zu besonderen Anlässen wie am Weihnachtstag Tee mit Wein und Zucker zu trinken. Spielzeug war ein teures Gut, das in den häufig kinderreichen Familien eher selten aufzufinden war.

Spielzeug, Foto: Museumsdorf

Dennoch träumten viele Kinder von Dingen wie Stoppelrevolver und Motorradfahrer zum Aufziehen. Derartige Güter konnten auch an den Sonntagen vor Weihnachten erworben werden, denn da hatten die Geschäfte ausnahmsweise für das Weihnachtsgeschäft geöffnet. Zum Nikolo Fest bekamen artige Kinder in der Regel einen Zwetschgen-Krampus, Äpfel, Lebkuchen und, wenn man Glück hatte, einen kleinen Schokoladen-Krampus oder -Nikolo. Weniger brave Kinder fanden Kohle oder Erdäpfel in ihren Stiefeln. Auch der Adventkalender war in der Regel weit weniger aufwändig gefüllt wie heutzutage. In den Anfängen fanden sich hinter den Türchen des häufig selbst gebastelten Kalenders schlicht weihnachtliche Bilder. Ein Spektakel der Adventzeit war, wie heute auch, der Krampuslauf, der aber nicht mit einem Perchtenlauf (in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönigstag) der Alpenregionen zu verwechseln ist. Neben dem vom Pfarrer einberufenen Nikolaus durften die jungen Burschen der Ortschaften in Krampus-Kostüme steigen und mit einer Rute bewaffnet die „bösen“ Kinder bzw. Jugendlichen „strafen“. Ein weiterer Höhepunkt in dieser Zeit vor Weihnachten waren die in der Kirche aufgeführten Krippenspiele.

Der nächste Blogbeitrag zum Thema „Weihnachten 1945?“ erscheint am 23. Dezember 2022.

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