Die Textilsammlung des Weinviertler Museumsdorfs Niedersulz

Annina Forster, BA, Kustodin der Textilsammlung und wissenschaftliche Mitarbeiterin

Wie vielen unserer treuen BesucherInnen bekannt ist, wurde das Freilichtmuseum in Niedersulz 1979 mit der Übertragung eines Weinviertler Streckhofes aus Bad Pirawarth begründet. Jedoch hat der Museumsgründer Prof. Geissler bereits viele Jahre davor mit dem Sammeln von historischen Objekten im Weinviertel begonnen. Wann er das erste Mal auch Textilien in die Sammlung aufgenommen hat, weiß er wohl selbst nicht mehr. Fakt ist, dass schon die Inventarnummer 28 – also das 28. registrierte Museumsobjekt – Teil der heutigen Textilsammlung ist. Es handelt sich um eine lederne Kellnertasche, die vermutlich mit der passenden Wirtsschürze (Inventarnummer 29) in den Bestand des Museumsdorfs eingegangen ist.

Der oder die eine oder andere fragt sich nun vielleicht, was eine Textilsammlung überhaupt ist. Jedes Museum definiert seine Teilsammlungen (also die verschiedenen Sammlungsbereiche in den Institutionen) selbst. Bei uns im Museumsdorf werden grundsätzlich nur Objekte aus dem Weinviertel des späten 18., des gesamten 19. und frühen 20. Jahrhunderts in die Sammlung aufgenommen, auch wenn das nicht immer leicht ist. Die Textilsammlung wiederum enthält alle Museumsobjekte, die als Bekleidung definiert werden (hierzu zählen auch Accessoires wie Taschen oder Hüte) oder der so genannte textile Hausrat (also Tischdecken, Bettzeug und so weiter). Ein weiterer großer Sammlungsbestand des Weinviertler Museumsdorfs Niedersulz ist die Sakralsammlung, die auch viele textile Objekte wie Prozessionsfahnen oder sakrale Gewänder umfasst.

(c) Museumsdorf
(c) Museumsdorf
(c) Museumsdorf
(c) Museumsdorf
Hüte (c) Museumsdorf

Der gesamte textile Bestand des Museumsdorfs umfasst schätzungsweise 9.000 Objekte. Jedes dieser Stücke ist für sich einzigartig und muss entsprechend „versorgt“ werden. Trotz der vielen Jahre, die einige Textilien schon in unserer Sammlung sind, sind die meisten nach wie vor in einem sehr guten Zustand. Dies liegt vor allen Dingen an dem Ehepaar Maria-Theresia und Johann Kiessling, das die Textilsammlung über Jahrzehnte ehrenamtlich und mit leidenschaftlichem Engagement gepflegt und ergänzt hat.

Das Ehepaar Kiessling (c) Museumsdorf

Man kann sehr wohl sagen, dass die Sammlung nur dank der Fürsorge und fachlichen Kompetenz von Maria-Theresia Kiessling und dem organisatorischen und handwerklichen Geschick von Hans Kiessling in der heutigen Form vorhanden ist. Frau Kiessling hat sogar mehrere Ausstellungen zum Thema Handarbeiten kuratiert, die sich im Museumsdorf und bei den BesucherInnen immer großer Beliebtheit erfreut haben. So widmete sie sich, unterstützt durch ihren Mann, zunächst dem Thema Knöpfe mit ihrer ersten Ausstellung „Um K(n)opf und Kragen“ und zeigte in den folgenden Jahren jährlich wechselnde Textilausstellungen zu Themen wie Spitze, Wandschoner oder Polsterbezüge.

Maria-Theresia Kiessling (c) Dietmar Bodensteiner

Bis vor kurzem wurden die unzähligen Textilien des Museumsdorfs, wenn sie nicht gerade in den Häusern des Freilichtmuseums bewundert werden können, in vier größeren Lagerräumen und an mehreren kleineren Standorten im Dorf aufbewahrt. Dies ist in den historischen Gebäuden mitunter mit Tücken verbunden, weshalb sich das Weinviertler Museumsdorf Niedersulz seit Jahren intensiv um eine neue Unterbringung für diese wichtigen Geschichts- und Erinnerungsträger bemühte, die schließlich durch eine Sonderförderung der Kulturabteilung des Landes NÖ finanziert werden konnte.

In Kooperation mit der Universität für Angewandte Kunst Wien, Institut für Konservierung und Restaurierung, und der Diplomatin in Textilrestauration Mag. Ava Hermann[1] wurde an einer neuen Unterbringung der historischen Textilien im Eingangsportal des Museumsdorfs gearbeitet.

Ava Hermann (c) Museumsdorf

Hier wurde der linke Flügel des Untergeschosses unter Berücksichtigung von konservatorischen Bedingungen zu einem neuen Textildepot ausgebaut. Das heißt beispielsweise, dass vom Fußboden bis zur Wandfarbe mit Materialien gearbeitet wurde, die möglichst natürlichen, also nicht chemischen Ursprungs sind (z.B. Kalkfarbe für die Wände). Dies ist vor allen Dingen wichtig, weil ausdampfende Gase sich in den Textilien einlagern und das Gewebe auf Dauer schädigen können.

Das neue Textildepot gliedert sich in zwei Räume, einerseits der „Werkstatt“ mit Reinigungs-, Inventarisierungs- und Verpackungsstation sowie Fotobereich und andererseits den eigentlichen Lagerraum, indem die Museumsobjekte nach konservatorischen Ansprüchen adäquat aufbewahrt werden sollen.

Die Verpackungslösungen, die dafür mit der Universität für Angewandte Kunst Wien ausgearbeitet wurden, sollen eine Langzeitkonservierung unserer schönen Sammlung ermöglichen, um sie noch möglichst lange für unsere BesucherInnen und die Forschung zu erhalten.

Textile Lagerung (c) Ava Hermann
Textile Lagerung (c) Ava Hermann
Textile Reinigung (c) Museumsdorf

Mittlerweile sind die Räumlichkeiten des Textildepots vollständig ausgebaut und eingerichtet und dienen schon den ersten Textilien als neues Zuhause.

Annina Forster (c) Museumsdorf

[1] Hermann, Ava: Erhaltungs- und Lagerungsstrategien für volkskundliche Textilsammlungen. Am Beispiel einer Depotplanung für die Textilsammlung des Weinviertler Museumsdorfs Niedersulz, NÖ. Diplomarbeit, Universität für angewandte Kunst Wien 2019.

Ein Kommentar zu „Die Textilsammlung des Weinviertler Museumsdorfs Niedersulz

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  1. Dieser Artikel ist wirklich sehr interessant und gibt einen tollen Einblick, was es eigentlich bedeutet, mit alten Textilien zu arbeiten. Ich finde es sehr schön, wie viele Menschen sich mit so viel Liebe um die Stücke kümmern und es so möglich machen, dass noch viele Menschen sie bewundern und beforschen können 🙂

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