Nachhaltigkeit anno dazumal

Dr. Veronika Plöckinger-Walenta

Das Weinviertler Museumsdorf Niedersulz zeigt und vermittelt Weinviertler Dorfleben von vor über 100 Jahren. Dabei kommen viele Lebensumstände zur Sprache, die heute unter dem Begriff Nachhaltigkeit zusammengefasst werden.

Durch das vorherrschende Prinzip der Selbstversorgung wurden die benötigten Arbeits- und Lebensmittel so weit als möglich selbst hergestellt oder nur in der jeweils erforderlichen Anzahl bzw. Menge gekauft und immer wieder repariert. Dies betraf Fahr- und Werkzeuge, Geräte und Maschinen, Einrichtung und Ausstattung ebenso wie Kleidung und Nahrungsmittel. In der Greißlerei kaufte man nur das, was man selbst nicht herstellen konnte – wie Zucker, Salz oder Germ –, die eben nur in kleinen Mengen und noch dazu quasi unverpackt gekauft wurden. So „drehten“ der Greißler oder die Greißlerin ein Stanitzel aus Papier für Gewürze, Zuckerl o.ä. oder rollten 3 Zigaretten in ein Stück (Zeitungs-)Papier ein.

Greißlerei Pawelka mit Papier zum Verpacken links neben Kassa, Foto: Museumsdorf

Im Bereich der Ernährung war der heute – nicht nur von Ernährungsfachleuten – empfohlene Grundsatz „lokal und regional“ schon aus wirtschaftlichen Gründen gelebte Praxis: gegessen und verarbeitet wurde das, was man selbst anbauen konnte und gerade reif war. Schließlich verfügten die Bäuerinnen über umfangreiche Kenntnisse von Gemüse, Kräutern und Obst, die sie in gut geplanter Vorratswirtschaft sowie vielseitiger Nahrungskonservierung umsetzten

Kompottgläser im Bürgermeisterhaus, Foto: Museumsdorf
Dörrgitter zum Dörren von Obst, Foto: Museumsdorf

So entstand auch kein Essensabfall, da „Restlessen“ fixer Teil des Wochenspeiseplans war. Was vom Mittagstisch übrig blieb, hat man in der Speisekammer oder im Keller kühl gelagert und frühestens am Abend oder am nächsten Tag wieder verwertet. Übrig gebliebenes Brot war praktisch kein Thema, denn es wurde sehr sparsam verteilt und als Frühstücks- oder Jausenbrot zur Gänze aufgegessen. Als „Hasenbrot“ bezeichnete man Brotstücke, die man nach der Jause bei der Feldarbeit wieder heimbrachte. Aus altem Brot oder Gebäck entstanden Suppeneinlagen, Knödel, Schmarrn oder Brösel.

Andere Reste wurden an die Tiere verfüttert. Manche machten sich die Mühe, Eierschalen und Knochen fein zu zerreiben und diese als wertvolle Kalzium-Lieferanten den Hühnern unter das Futter zu mischen.

In den seltenen Fällen zu bestimmten Anlässen, zu denen ein Schwein, Huhn oder eine Gans geschlachtet wurden, verwertete man praktisch alles vom Tier – auch wenn man es nicht „from nose to tail“ nannte. Typisch im Weinviertel war die Zubereitung der Presswurst, wobei gekochte Schwarten, fettere Fleischstücke mit Gewürzen und Fleischsuppe vermischt in den gewendeten Magen des Tieres gefüllt wurden. Die Suppe bildete eine Sülze und machte die Presswurst schnittfähig. Blutwürste, Leberwürste und Bratwürste waren weitere Genüsse. Der gesamte Vorrat musste für mehrere Monate die Hausleute, die Tagwerker und das Gesinde ernähren. Einsalzen und Selchen der Fleischstücke spielte eine wesentliche Rolle.

Selch im Waidendorfer Hof, Foto: Museumsdorf

Die heutigen Schlagworte Re- bzw. Upcycling fanden früher – ebenfalls aus ökonomischen Gründen – bei allen anderen Materialen und Objekten statt: Alles wurde repariert, solange es ging, oder bekam einen anderen, ebenfalls wichtigen Verwendungszweck und wurde zu guter Letzt verheizt o.ä.

Der Lebenslauf eines Kleidungsstückes endete früher nicht mit „gefällt / passt nicht mehr“, sondern es wurde von jüngeren Geschwistern aufgetragen und so lange wie möglich geflickt bzw. gestopft. Reste von Textilien verwendete man als Putzfetzen oder verarbeitete sie – v.a. im Wald- und Mühlviertel – zu einem Fleckerlteppich. 

Wertvolle und teure Werkzeuge, aber auch Fahrzeuge wie Wägen und Schlitten sowie landwirtschaftliche Maschinen und Geräte wurden ebenfalls von ihren jeweiligen Herstellern wie Wagner und Schmied repariert. Sogar gesprungenes oder gebrochenes Keramik-Geschirr ließ man von umherziehenden Rastelbindern flicken.

drahtgebundene Kuchenform, Inv.Nr. WMN 383, Foto: Museumsdorf

Geflickt wurden auch die wenigen Schuhe bzw. Stiefel, die man besaß, vom „Flickschuster“. Mancher Stiefel erfuhr noch einen Funktionswandel, indem statt dem Fußteil ein Boden eingesetzt und oben ein Henkel angenäht wurde, sodass ein „Flaschenzöga“ für den Transport einer Weinflasche entstand.

Flaschenzöga, Foto: Museumsdorf

Tierische wie menschliche Hinterlassenschaften wurden am Mistplatz gesammelt und als Dünger auf das Feld und in den Weingarten gebracht. Deshalb gilt im Weinviertel der Spruch „Wo Mistus, da Christus“, also wo viel Mist ist, da gibt es eine gesegnete, reiche Ernte. An der Größe des Mistplatzes konnte man so den Wohlstand einer Bauernfamilie ablesen.

Mistplatz mit Plumpsklo und Taubenkobel, Foto: Museumsdorf

Jegliches brennbare Material wie Rebschnitt, Papier, Maiskolben etc. wurde zum Unter- bzw. Einheizen verwendet. Folglich gab es früher keinen Müll im Sinne von wertlosem Material, das nicht mehr zu brauchen war, sondern „Wertstoffe“, die vor ihrem „Lebensende“ noch einem letzten Zweck erfüllten. Dadurch lässt sich auch der in den Häusern nicht vorhandene Mistkübel erklären: Müll, also etwas, das ohne weitere Verwendung weggeworfen wird, ist eine relativ junge Erscheinung – ungefähr ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. In diesem Sinne heißen mittlerweile manche Müll- bzw. Altstoff-Sammelzentren auch „Wertstoff-Sammelzentren“.

Abschließend muss jedoch unbedingt festgehalten werden, dass Nachhaltigkeit vor 100 Jahren keine bewusste Entscheidung für einen nachhaltigen oder ökologischen Lebensstil, sondern gelebte Praxis war, die aufgrund der jeweiligen Lebensumstände, aus wirtschaftlichen Gründen bzw. schlicht aus Armut notwendig war. 

Tipp: Alltag im Dorf zum Thema „Nachhaltigkeit anno dazumal“ am 9. 7. von 13-17 Uhr

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