Geflügelwirtschaft

Elisabeth Stadler, Ehrenamtliche & Kulturvermittlerin

Früher gab es in beinahe jedem Haus im Weinviertel Federvieh, das sich auf öffentlichen Straßen, Wegen und Wiesen herumtrieb. Gänse und Enten waren in der Nähe des Baches oder bei einem Teich zu finden. Eier, Fleisch und schließlich auch die Federn waren wertvolle Produkte aus der Geflügelhaltung.

Hühner

Hühner gab es in jedem Haushalt am Land. Ihre Stückzahl richtete sich nach dem Bedarf, denn Eier waren ein relativ teures Lebensmittel. Beim Kochen wurde gerne mit den Eiern gespart, denn übrig gebliebene Eier konnte man dem Eiermann oder der Eierfrau verkaufen. Diese fuhr regelmäßig durch die Orte und sammelte die Eier ein, um sie auf Märkten, in der Gastronomie oder in Geschäften zu verkaufen. Mancher Bauer betrieb selbst einen Stand auf einem Markt in Wien.

Die Hühnerhaltung war verhältnismäßig einfach: Man fütterte sie morgens und abends mit Körnerfutter und stellte Wasser bereit, die restliche Tageszeit durften sie sich frei im Hof, Garten oder im Ortsgebiet bewegen. Zum Legen und Schlafen kamen sie von alleine in den heimatlichen Stall. Der Hühnerstall war eine Ecke innerhalb des Stallareals oder er stand als eigenes Gebäude hinter den Hauptstallungen, oft als „Obergeschoß“ des Mäststeigs (Schweinestall).

Mäststeig mit Hühnerstall, Foto: Museumsdorf

Er war mit Sitzstangen in unterschiedlichen Höhen ausgestattet und ein Schlupfloch führte ins Freie. Das Hühnerloch wurde abends zum Schutz vor nächtlichen Räubern mit einem Holzschuber gut verschlossen.

Hühnerloch im Streckhof aus Bad Pirawarth, Foto: Museumsdorf

Die Betreuung der Hühner wie füttern und Eier abnehmen war Sache der Bauersfrau, wurde aber gerne an die Kinder delegiert. Der Bauer kümmerte sich nur um die Bereitstellung des Futters (Gerste-, Weizen- oder Kukuruzkörner). Manchmal wurden gekochte Erdäpfel oder Kleie zum Futter gemischt. Eine Futterrübe auf einem Metallspieß konnte rundherum abgepickt werden. Muschelkalk (z.B. aus Nexing) oder zerdrückte Eierschalen waren ein Zusatzfutter zur besseren Schalenbildung. Junges Grün zu zupfen, ließ sich keine Henne entgehen.

Im Frühjahr wurden einige Hennen „bruadig“, das heißt, sie waren bereit zum Brüten. Sie äußerten dies durch Aufplustern der Federn und glucksende Laute. Man benötigte nur eine Bruthenne, dazu wurde die größte und schönste auserkoren, vielleicht diejenige, die schon einmal Küken aufgezogen hatte. Den anderen wurden die Muttergefühle ziemlich brutal ausgetrieben, indem man sie in kaltes Wasser steckte. Da die Hennen in dieser Zeit keine Eier legten, musste man diesen Zustand rasch beenden.

Für die auserwählte Bruthenne wurde in einer stillen Ecke ein Nest bereitet und ihr je nach Größe 9 bis 13 Eier untergeschoben. Es sollte immer eine ungerade Zahl sein, damit ein Ei in der Mitte lag und die anderen einen Kreis darum bildeten. Außerdem drehte und wendete die Henne regelmäßig die Eier, damit alle gleich gut gebrütet wurden. Nach rund drei Wochen Brutzeit konnte man mit dem Nachwuchs rechnen. Der Bruthenne wurde Fressen und Wasser nahe ihrem Nest bereitgestellt. Waren mehrere Eier unbefruchtet, so wurde der Hahn schnell als Verursacher, also zeugungsunfähig ausfindig gemacht. Seine Tage waren dann gezählt, ehe er im Suppentopf landete.

Hatten die Hühner einen großen Auslauf zur Verfügung, so kam es vor, dass sich eine Henne selbständig ansetzte und dann stolz mit ihrer Kükenschar anmarschierte. Die frisch geschlüpften Küken wurden erst sorgfältig in einer Schachtel nahe beim warmen Herd verwahrt, bis die Mutterhenne das letzte Ei ausgebrütet hatte. Die Küken wurden mit Hirse gefüttert. Die Glucke setzte man unter die „Hendlkraxn“, ein Geflecht aus Weidenruten, das die Korbflechter herstellten. Die Stäbe waren so weit voneinander entfernt, dass zwar die Kleinen durchschlüpfen, aber die großen Hühner nicht zum speziellen Kükenfutter gelangen konnten. War Gefahr in Verzug (Falke, Katze), so warnte die Henne die Küken und sie suchten sofort unter ihren Flügeln Schutz.

„Hendlkraxn“, Foto: Arbo Walenta

Die Hühnerschar war eine bunte Mischung von Farbe und Rasse her. Nannte jemand ein Rassehuhn sein Eigen, dann tauschte man oft die Eier, um Inzucht zu vermeiden. Die damals bekanntesten Rassen waren: Leghorn, Steirer und Nackthals – nicht schön anzuschauen, aber fleißig im Legen.

Manchmal wurde ein Gipsei ins Nest gelegt, um Hennen an ein bestimmtes Nest zu gewöhnen oder den Junghennen überhaupt zu zeigen, wohin sie ihre Eier legen sollten. Hatten ärmere Leute nur ein paar Hühner, so waren das richtige Haustiere, die sich in Küche oder Haus aufhielten.  Den schönsten Hahn ließ man laufen, die anderen dienten als Sonntagsbraten. Die Hühner wurden mittels bunter Ringe an den Beinen gekennzeichnet, so dass man über ihr Alter genau Bescheid wusste. Ließ die Legeleistung nach ein paar Jahren nach, so wurde die Henne als Suppen- oder Paprikahuhn verspeist

Hahn im Museumsdorf, Foto: Dietmar Bodensteiner

Da die Legeleistung das ganze Jahr über nicht gleich stark war, legte man Eier aus der Hauptlegezeit im Sommer mit Kalkmilch oder Wasserglas in fünf Liter Gläser oder in irdene Töpfe ein, um die Eier im Winter zum Backen und Kochen zu verwenden.

Gänse 

Eine große Rolle im Geflügelhof spielten die Gänse. Hatte die Familie heiratsfähige Töchter, so wurde das Federkleid der Gänse dringend für Bettzeug benötigt, zählten doch zur Aussteuer des Mädchens 4 Pölster und 2 Tuchenten. Die Gänse lebten früher ebenso frei wie die Hühner. Sie wurden morgens beim Tor hinausgelassen und suchten sich selber den Weg zum Bach oder Teich, abends kehrten sie wieder heim in den Stall. Die Straßen waren nicht asphaltiert, daher gab es immer wieder Tümpel und Lacken, worin sich die Gänse wohlfühlten. Damit die Leiter- oder Truhenwägen weiter fahren konnten, musste oft der Lenker absteigen und die Gänse vertreiben. Die Hausgänse gehörten keiner besonderen Rasse an, sie waren weiß oder grau gefiedert.

Zum Unterschied von den Hühnern gab es bei den Gänsen nur ein Brutpaar, das sich ein Leben lang treu blieb. Ein Gänseleben konnte schon bis zu 30 Jahre dauern. Hatte die Gans im Frühjahr ihre Eier gelegt, so begann das Brüten. Die Brutzeit dauerte vier Wochen. Waren die Kleinen geschlüpft, so zog die ganze Gänsefamilie bald zum Bach, wo die Kleinen schnell das Schwimmen lernten.

Gans mit Nachwuchs, Foto: Museumsdorf

Bis zum Herbst waren die Jungen dann ausgewachsen und schlachtreif. Der Herbst brachte oft Unruhe in das Gänsevolk. Sobald Wildgänse über das Dorf zogen, versuchten die zahmen Hausgänse, es denen gleich zu tun und mitzufliegen.

Begegnete man einer Gänseschar auf der Straße, so war es ratsam, die Tiere nicht zu reizen, sie gaben ihren Unmut durch lautes Schnattern bekannt. Wenn diese Warnung nichts nützte, bekam man den scharfen Schnabel des Gänserichs zu spüren. Gänse sind sehr wachsame Tiere und man sagt, sie ersetzen einen Haushund.

In diesem Zusammenhang fällt einem unweigerlich die Legende des Hl. Martin ein: Gänse haben sein Versteck im Gänsestall durch ihr Schnattern verraten. Denn Martin versuchte sich auf diese Art dem Amt des Bischofs zu entziehen. So sind sie etwa selber schuld, dass sie um Martini (11. 11.) Federn und Leben lassen müssen. Der Hl. Martin gilt u.a. als Patron der Gänsezucht.

Bevor die Gans als Braten auf dem Teller landete, wurde sie „gestopft“ (geschoppt), was heute verboten ist. Dem armen Tier wurde jeden Tag geschwelter Kukuruz in den Schlund gestopft, dazu saß die Gans in einer Kiste, so dass nur Hals und Kopf herausragten. Mittels eines Rohres wurde das Tier zwangsernährt, um recht viel Fett und Fleisch anzusetzen. Nach der Schlachtung wurden die Federn trocken gerupft und in Papiersäcken bis zum Federnschleißen – mehr dazu im nächsten Blogbeitrag – aufbewahrt. Die Flügel trennte man ab, trocknete sie und verwendete diese als „Flederwisch“ zum Abstauben, Mehl auf dem Nudelbrett zusammen zu fegen und beim Ofenauskehren.

Federwisch, Foto: Museumsdorf

Die Gänseschar wurde so lange reduziert, bis nur mehr das Brutpaar für das nächste Jahr übrigblieb.

Enten

Enten fanden sich beinahe öfter als Gänse auf Gehöften, da sie leichter zu halten sind. Sie benötigen weniger Wasser, ein kleiner Tümpel genügt schon. Ihr Unterschlupf war in der Nähe des Hühnerstalls. Es waren meist größere weiße oder dunkle Tiere. Rassen wie Türken- oder Laufenten kannte man früher nicht.

weiße Enten im Museumsdorf, Foto: Arbo Walenta

Ihr Futter bestand aus Körnern und etwas gekochten Erdäpfel, draußen suchten sie nach Würmern und Insekten. In Mühlen waren Enten oft anzutreffen, wo sie die beim Abladen der Säcke verstreuten Körner sofort auflasen. Die Ente legt im Frühjahr Eier, macht aber nur selten Anstalten diese auszubrüten, weshalb man eine verlässliche Bruthenne auf die Enteneier setzte. Die Küken wurden von der Henne großgezogen, doch die Verzweiflung beim Muttertier kann man sich vorstellen, wenn die Kleinen munter im Nass plantschten und die Henne sie am Ufer vor Gefahren warnen musste.  Waren sie ausgewachsen, blieb auch ihnen das Martyrium des Stopfens nicht erspart. Die Federn waren bei den Kleinhäuslern in Ermangelung von Gänsefedern für Polster und Tuchent begehrt.   PuteIm Weinviertel nannte man Truthühner „Pockerl“ oder „Indian“. Man fand sie in größeren Bauernhöfen, Gutshöfen oder Mühlen. Früher waren sie naturfarben oder grau und für heutige Begriffe relativ schlank. Auch hier gab es immer ein Brutpaar. Der Truthahn machte durch sein imponierendes Gehabe auf sich aufmerksam.

Truthahn, Foto: Museumsdorf

Seine Laute und die Verfärbung des Kopfes bis zum Hals in Rot bis Dunkellila hatte für Kinder eine große Anziehungskraft. So lautete ein Spottreim: „Rot und Blau is net schen, Pockerlhau musst betteln gehen.“ Ratsamer war es aber, sich außerhalb der Reichweite des erzürnten Vogels aufzuhalten. Im Allgemeinen sind es friedliebende und zutrauliche Tiere.

Die Truthenne legt im Frühjahr um die 10 Eier und brütet die selbst aus. Die Aufzucht der Kleinen ist ziemlich heikel, denn die Kleinen dürfen nicht nass werden, solange sie noch kein Federkleid besitzen. Sie sollten es immer warm haben und nicht unter Brennnesselstauden gelassen werden, denn der herabfallende Same könnte tödlich sein. Nach dieser heiklen Kinderstube nahmen sie rasch an Wachstum zu und wurden ebenso im Herbst zur Schlachtung bestimmt. Über den Winter behielt man, wie bei anderen Geflügelarten, nur das Brutpaar, vielleicht zusätzlich noch 1 – 2 Hennen.

Ziergeflügel

In größeren Geflügelhöfen, bei reichern Bauern, auf Gutshöfen oder Mühlenbetrieben konnte man auch exotisches Geflügel vorfinden wie den Pfau, Perlhühner oder Goldfasane.

Tipp: „Herbstlicher Dorfalltag“ am 26. Oktober von 13-16 Uhr

Über das „Federnschleissn“ lesen Sie mehr im nächsten Blogbeitrag.

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